Allein auf dem Veltener Stichkanal

Unter herabhängenden Gräsern und Zweigen, dicht am Ufer, dümpelt eine Schar Enten. Das langsam vorbeifahrende Boot irritiert sie sichtlich. Es ist nicht bedrohlich genug, um eine Flucht auszulösen, die auf diesem schmalen Gewässer mit steiler Uferbefestigung nur fliegend erfolgen kann. Taktierend und mit wachsamen Blick auf uns schwimmen die Enten in Richtungen, die ihrer Ansicht nach am ehesten dafür sorgen, dass der ungebetene und Respekt einflößende Gast am ehesten aus ihrem Umfeld verschwindet. Als erfahrener Wasserwanderer sieht man ein, dass hier ein Wegezoll zu entrichten ist. Darauf ist man vorbereitet. Von einem bereitliegenden Brötchen werden ein paar Brocken abgerissen und zu den Wasservögeln geworfen. Schließlich hat man ihre Versammlung in einer ihnen sicherlich wichtig erscheinenden Aktion gestört. Die Enten beäugen unsere Würfe misstrauisch. Die appetitlich auf dem Wasser treibenden Bröckchen scheinen nicht als leckere Mahlzeit bekannt zu sein. Die Einheimischen halten Abstand.

Üblicherweise reagieren die Vögel mit eindeutigem Verhalten auf solche Gaben. Sie schwimmen darauf zu, fressen sie auf und locken weitere Wasservögel an, die mit großer Eile herbeikommen, um ihren Anteil abzubekommen. An anderen Orten treten sie im Verein mit flinken Blesshühnern und Schwänen regelrecht als Wegelagerer auf, die jedes ankommende Boot auf seine Spendenfreudigkeit hin testen. Auf Berliner Gewässern ist das ein alltägliches und lohnendes Unterfangen.

Alte Brücke über dem Veltener Stichkanal

Aber hier ist es anders. Wir sind einem spontanen Entschluss folgend von der Havel-Oder-Wasserstraße nördlich von Hennigsdorf in den Veltener Stichkanal eingebogen. Niemand an Bord mag sich vorstellen, dass Velten einen Hafen hat. Daher muss der Kanal erkundet werden. Weit kann er nicht führen. Auf beiden Seiten sind die Ufer durch viele nebeneinander in den Boden gerammte Holzpfähle befestigt. Längst ihres ehemaligen bräunlichen Farbtons beraubt, ragen sie im schmuddligen Hellgrau aus dem Wasser. Die Witterungseinflüsse haben ihnen sichtlich zugesetzt. Der Kanal verläuft durch eine bewaldete Gegend. Die Ufer sind dicht zugewuchert. Einige Brücken spannen sich über das Wasser. Sie sind alt und im maroden Zustand. In den hohlen Bögen nisten Vögel. Wir hören ihre Rufe. Am Wasser befindliche Gänge unterhalb der Brücken sind vergammelt und teilweise eingestürzt.

Gelegentlich sind ruinöse Gebäude, geprägt von Vandalismuschäden, zwischen den Bäumen sichtbar. Was auch immer einst für ein reges gewerbliches Treiben am Rand des Kanals gesorgt haben mag, ist nicht mehr vorhanden. Die Natur erobert sich das Gebiet zurück.

Im 19. Jahrhundert enfaltet sich in Velten eine blühende Ofenkachel und Ziegelsteinproduktion. Der Ort wird bekannt für seine Tonwarenindustrie. 1905 werden in den knapp 40 Ofenfabriken insgesamt ca. 100.000 Öfen produziert. In der nahen Hauptstadt Berlin wird kräftig gebaut und die Öfen werden gebraucht. Zwischen 1910 und 1912 entsteht der Veltener Stichkanal gebaut, der die Stadt mit der wichtigen Havel-Oder-Wasserstraße verbindet.

Im 20. Jahrhundert führen zwei Weltkriege, neue Heiztechnologien, billige Produkte aus dem Ausland und mehr zum allmählichen Niedergang des Veltener Ofenbaus.

Der geschichtliche industrielle Hintergrund ist auf unserer Fahrt kaum spürbar. Im Gegenteil, hier scheint die Natur intakt zu sein. Wir entdecken einen Eisvogel, der wie ein grellblauer Ball aussehend, davon fliegt. Auf der Rückfahrt sollen wir ihm nochmals begegnen. Das Foto reicht als Beleg, ist aber unscharf und verwackelt.

Eisvogel

Wir sind alleine, kein Boot weit und breit. Kurz vor Velten gibt es einen Abzweig in den Nordabzweig des Kanals. Leider ist dieser durch einen Straßendamm versperrt worden.

Abzweig in den Seitenarm des Kanals

Schließlich erreichen wir den Veltener Hafen, der sich als eine trostlose und wenig einladende Anlage aus hoch aufragenden Stahlspundwänden und einem Kran erweist. Das Hafenbecken ist leer. Ein Angler betrachtet uns neugierig.

Veltener Hafen – Kein Schiff weit und breit

Nur wenige verirren sich bis hierher. Im Hintergrund ist ein Recyclinggelände von ALBA sichtbar. Nirgendwo gibt es eine Möglichkeit zum Anlegen, ganz zu schweigen von einer gastronomischen Einrichtung. Dabei wird es sicherlich in der Nähe einen Imbiss geben, der das Personal der um den Hafen herum befindlichen Gewerbeobjekte mit Eßbarem versorgt. Ein einfacher schwimmender Ponton zum Anlegen der niedrigen Sportboote nebst zwei oder drei hübschen, vom Wasser aus zu sehenden Sonnenschirmen, dürften sich herumsprechen und die Fahrt auf dem Veltener Stichkanal für Bootsfahrer interessant machen. Der Gemeinde, die es fertig bringt, einen Kanalabschnitt in reizvoller Umgebung mit einem Straßendamm abzusperren, anstatt ihn wassertouristisch mit Anlegern und Campingmöglichkeit zu nutzen, scheint das nicht aufzufallen. Wir drehen um und fahren zurück.

Unsere Fotos zum Thema: Veltener Stichkanal

Eine Antwort auf Allein auf dem Veltener Stichkanal

  • Norbert Mielke

    Hallo, als Stadtführer aus Berlin wissen wir, dass die Firma ALBA in Velten eine grosse Anlage zum Recycling von Altglas aus der Berliner Haushaltserfassung betreibt. Zudem gibt es dort eine AWU, auch ein Recycling – Unternehmen. Vermutlich wird der leere Hafen doch ab und an zum Verfrachten von Altglas bzw. recyclingfähigen Kunststoffabfällen oder auch Schrott genutzt. Vielleicht weiss jemand mehr, ansonsten wäre das bestimmt ein schöner Sportboothafen oder ein Ort zum Andocken von Hausbooten. Wer kennt mehr zum Hafen Velten. Es gibt doch bestimmt einen Hafenmeister?
    Beste Grüße

    Nobby / sightwalks.de

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