Zwischen Elbe und Deich

Ein Schwarm Weißwangengänse, auch Nonnengans genannt, erhebt sich im Deichvorland. Ihr Geschrei mischt sich mit den Geräuschen des Fährbetriebs am Anleger in Wischhafen. Für Beobachter ist eine hohe Aussichtsplattform aufgebaut mit gutem Blick auf die Elbe, das Atomkraftwerk in Brokdorf, Schiffe, Vogelschwärme, Deiche und die Elbfähren. Ebbe und Flut sind am Wasserstand der schlickigen Priele erkennbar. Ein paar Meter entfernt befindet sich das Land’s End. Mitte November ist die Gaststätte zwischen Deich und Elbe ein Ort der Stille.

Regungslos hockt der Wirt hinter dem Tresen und begrüßt neue Gäste telepatisch. Kein Nicken, kein ausgesprochener Gruß; nur die Augen hinter der Brille folgen dem Gast. Ihnen wird zugestanden, dass sie wissen, was sie wollen und sich melden, wenn sie den Zeitpunkt für gekommen halten. Fremde Gäste sind rar. Sie werden genau gemustert. Jede Bestellung wird zu einem Theaterstück in einem Raum, in dem jeder zugleich Darsteller ist und zum Publikum gehört. Jedes ausgesprochene Wort macht einen zum Hauptdarsteller.

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Land’s End – Gaststätte vorm Deich

Eine Frau und ein Mann treten ein, gutgelaunte Fremde. Eine blonde Dame erkundigt sich nach ihren Wünschen.
„Zwei Krabbenbrötchen.“
Sie schneidet ein Brötchen auf und streicht ordentlich Remouladensoße auf eine Hälfte.
„Für mich bitte ohne.“, meint die Frau, die bestellt hat. Der Mann neben ihr sagt: „Ich nehme das Brötchen mit der Soße.“
Die Wirtin bereitet zu.
„Zwei Krabbenbrötchen, bitte sehr.“, präsentiert die Wirtin ihre Werke.
Der Wirt beweist, dass er nicht der Welt entrückt ist: „Auf ein Krabbenbrötchen gehören 147 Krabben. Wenn Sie mehr haben, bringen sie sie zurück.“ Die Dame und der Herr mit den Krabbenbrötchen lachen. Die anderen kennen den Spruch, der hierher gehört, wie sein unveränderliches Interieur.

Man kann sich gut vorstellen, dass die Versammlung bei heulendem Sturm und hoher Flut den Elementen lauscht und solange es geht, einträchtig schweigend im Land’s End ausharrt, als ob ein Verlassen der Gaststätte einem Verrat gliche, wie dem Verlassen eines im Sinken begriffenen Schiffes, das noch treibt. Das Wehr im Deich ist nicht zum Spaß vorhanden. Land’s End, der Name ist gut gewählt, doch Land unter kann vorkommen; dann trifft er nicht mehr zu.

Pott Kaffee und ein Stück Kuchen – 3,80 €, steht auf einer Tafel vor der Tür. Der Mittagstisch ist gut und Gäste sind ohne Getue willkommen. Die öffentlichen Toiletten für Autofahrer, die auf die Fähre warten, gehören zum Gebäude der Gastwirtschaft. In der Urlaubssaison bringt jeder Stau einen Strom Gäste. Im Winter ist wenig los. Die saisonalen und witterungsbedingten Schwankungen gehören dazu wie in der Landwirtschaft, Fischerei und Gezeiten, nichts Ungewohntes für die Menschen an der Elbe dicht an der Nordsee.

Fazit: Extrem guter Ort

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