Sven Roewer pilgert auf dem Jakobsweg – III

Rabanal del Camino 19. 4. 2009 – Via Traiana! Die Begegnung mit der alten Römerstraße flößt Ehrfurcht ein. Wie viele Menschen hatten sie bereits betreten? Wie oft wurde ihr Belag aus Steinen erneuert? Heute ging es nach Rabanal del Camino. 20 Kilometer. Herrliches Wetter. Besser als vorhergesagt. Ich bin stundenlang gewandert ohne eine Menschenseele zu treffen. Es war nur das Zwitschern der Vögel zu hören. Sogar der Wind hatte heute Auszeit. Für mich war es der schönste Tag wegen der klaren Luft und der schönen Berglandschaft .

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Via Traiana – alte Römerstraße

In Rabanal gibt es eine tolle Herberge. Ich entspannte mich bei ein paar Bierchen im Innenhof. Abends gab es eine Pilgermesse mit den hier im Kloster lebenden Benediktienern, viel Weihrauch und Gesang in hoher Stimmlage. Drei Mönche leben hier. Einer davon aus München. Zur Versöhnung mit dem gestrigen dürftigen Abendessen gab es heute einen Riesenberg Makkaroni mit Tomatensauce. Eine anwesende Dame aus der Schweiz nervte einige Pilger mit ihrer lauten dominanten Gesprächsweise, doch fand sie in einer Gruppe Senioren aus Regensburg willige Opfer.

Morgen geht es zum Cruz de Ferro (Eisenkreuz), wo ich meinen Stein ablegen werde. An dem Ort in den Montes de León, der in 1500 Metern der höchte Punkt des spanischen Jakobsweges ist, wurde ein kleines Eisenkreuz an einem Baumstamm befestigt. Das Kreuz steht in einem Steinhaufen, der von den Pilgern stetig vergrößert wird.

 

Cruz de Ferro nach El Acebo
20. 4. 2009

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Weltweite Wegweiser

Über Cruz de Ferro nach El Acebo. 19 Kilometer. Es herrschte bestes Wanderwetter. Es ging stetig bergauf durch blühende Heidebüsche. Viele Touristen, die bedeutende Pilgerstationen besichtigen wollten, waren mit Reisebussen unterwegs. Engländer und Amis erstürmten das Crux de Ferro als ob es um die Eroberung Bagdads ging. Ohne Demut und Respekt wurde eine Fotosession nach der anderen abgehandelt. Ein deutscher Pilger steckte sogar einen ihm gefallenden Stein ein. Weiß er, welche hier abgelegten Lasten er sich aufbürdet? Ich legte meinen Stein ab und verließ den Ort.

Schnell umgab mich wieder die Schönheit und Stille der Berge. Ich dachte über Paul Coelho nach, der die Strecke nur durchfahren war. Macht nichts, seine Bücher jedenfalls haben mich inspiriert und zum Nachdenken angeregt. Habe mir gewünscht den Alchemisten von ihm dabei zu haben. Ein tolles Buch! Der Abstieg ging steil über Geröll nach El Acebo hinab. In der Herberge traf ich Dieter aus Kassel. Wir kannten uns vom Vortag. Bei einem Bierchen fand ein reger Austausch statt! Entweder war die Sonne heute zu kräftig oder ich bekomme eine Erkältung, was kein Wunder wäre bei den kalten Duschen und Schlafräumen. Ich werde auf jeden Fall eine Aspirin nehmen. Für Spinnenliebhaberinnen laufen schöne Exemplar durch die Schlafräume! Also immer schön den Mund zumachen in der Nacht!

El Acebo nach Ponferada
21. 4. 2009

Die Strecke war 16 Kilometer lang. Ich lief von El Acebo nach Ponferada. Das Wetter war einfach traumhaft. Den ganzen Tag herrschte Sonnenschein. Die Temperatur stieg auf angenehme 25 Grad. Meine Schritte trugen mich nur langsam den Weg nach unten. Es gab immer wieder etwas zu entdecken und zu bestaunen. Auf einer kleinen von Bäumen eingesäumten Wiese mache ich ein Picknick bei Käse, Brot und Obst. Danach streckte ich mich aus und machte ein kleines Nickerchen. Ein raschelndes Geräusch weckte mich. Ich sah wie ein kleiner Hund meine Reste vom Käse plünderte. Als der kleine Strolch sich entdeckt fühlte machte er sich schnell davon. Ich beschloss ebenfalls weiterzugehen. Es standen zwei Wege zur Auswahl, einmal der originale Weg über bis zu einem halben Meter tief ausgelaufenes Felsgestein oder der Trampelpfad über die Wiese. Ich wählte den über Felsen führenden Weg, den schon Millionen vorher gingen.

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Prächtige Sträucher und würzige Luft

 

Er erwies sich als richtig. Überall am Weg begann der wilde Oleander zu blühen. Welche Pracht wird sich in den nächsten Tagen entfalten? Lavendel und Rosmarin in voller Blüte verströmten ihren Duft wie im Kräutergarten. Die Grillen zirpten und eine bunte Vogelwelt verwöhnte mich mit ihrem Gesang. Das Rot der Heide und das Gelb der Ginsterbüsche leuchteten im hellen Sonnenschein. Gekkos sonnten sich auf warmen Steinen und huschten bei meinem Näherkommen schnell davon. Ich konnte immer wieder stehen bleiben und alles in mich einsaugen. Endlich setzte ich mich, um mein Tagebuch zu zücken. Ich schrieb über die Einmaligkeit dieses Ortes, die mich schier überwältigte. Beim Anblick des roten Mohns, den ich so sehr liebe ging mir das Herz auf. Ich versank mit meinen Gedanken immer wieder im Nichts. Dann hörte ich das Summen und Brummen unzähliger Insekten und sah das Liebesspiel der Schmetterlinge. Für den Weg braucht man üblicherweise etwa eine halbe Stunde. Ich benötigte fast drei Stunden. Es war, als ob ich in der Zeit gefangen war. Ich wunderte mich über die späte Uhrzeit und spürte, dass ich den Weg nur alleine gehen kann. Andere Pilger ziehen das Gruppenerlebnis vor, aber ich hätte darin zuwenig Zeit für mich und die schöne Umgebung, weil die Gesellschaft der anderen mich ständig ablenken würde.

Ponferada bis Cacabelos
22. 4. 2009

Bei bestem Frühlingswetter ging es heute von Ponferada nach Cacabelos, 16 Kilometer. Ich habe die Nacht ständig gehustet und geniest, was mich kaum schlafen ließ, dazu noch Schweißausbrüche. Ich dachte darüber nach noch einen Tag in Ponferada zu bleiben und mich auszuruhen. Aber schon beim Aufstehen packte mich das Caminofieber. Nach Brot mit Rührei schlüpfte ich in die sehr angenehme Morgenfrische. Vor mir auf dem Weg lief Anja, die ich gestern hier wieder traf, und wir gingen ein Stück gemeinsam. Sie erzählte mir, dass sie in der Nähe von Kassel eine Töpferwerkstatt hat und auch malt. Sie will heute noch nach Villafranca del Bierzo. Ein holländisches Ehepaar, das sie schon länger kennt, erreichte uns. Anja schloß sich ihnen an und so lief ich wieder alleine.

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Pilgerherberge???

Links und rechts des Weges waren die ersten Weinfelder in die Hügellandschaft eingebettet und von hohen Bergketten eingeschlossen. Der Frühling war im Tal in vollem Gange und so spendete das Laub der Bäume des öfteren kühlen Schatten. Trotzdem wurde es ab Mittag sehr warm. In Cacabelos öffnete die Herberge erst in zwei Wochen. Nach Villafranca waren es noch acht Kilometer. Mir war es eindeutig zu weit und so nahm ich mir ein Zimmer und schlief erst einmal ein Stündchen. Danach duschte und rasierte ich mich mal ganz entspannt ohne den Trubel der Herbergen. Ich überlegte, ob ich morgen den Camino duro oder die Landstrasse gehe auf welcher Hape Kerkeling mit seinem Stock die Lastkraftwagen auf Abstand hielt. Die Strecke steigt um 450 Höhenmeter an, was viel Energie kosten wird. Die Entscheidung verlegte ich auf morgen und ging eine Paella essen.

Kommentar von Karin Wiedenhöft – 24. April 2009: „Hallo Sven, gute Besserung und weiter so. Liebe Grüße Karin

Trabadelo

23. 4. 2009

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Pilger Sven Roewer

Heute ging die Strecke bis Trabadelo und war 18 Kilometer lang. Es war sonnig. Ein leichter angenehmer Wind wehte bei 26 Grad Celcius. Ich bin heute um 08.30 Uhr aufgestanden und hatte kurz überlegt in Cacabelos zu beleiben, aber das Caminofieber war stärker. Das Frühstück nahm ich heute auf einer Parkbank am Rio Cula in Cacabelos ein. Der Kaffee fehlte. Das war sehr hart und so zog sich der Weg bis Villafranca endlos dahin. Dort angekommen stürmte ich raschen Schrittes in ein Café um die Sucht zu befriedigen. Danach ging es mir deutlich besser. Die hohe Dosis Aspirin entfaltete seine Wirkung und so konnte es heute noch bis Trabadelo gehen. Ich wählte dafür die Route an der Straße. Ich ging kein Risiko ein, möchte hier keinen Herzkaspar bekommen. Ich traf die richtige Entscheidung, denn durch die neue Autoban war kaum Verkehr. Die Natur hatte viel zu bieten und bis auf zwei Belgier sah ich niemanden. Am Dienstag traf ich einen Spanier, der sich zur Blasenbehandlung Slipeinlagen in die Schuhe legte. Als er mir davon erzählte mußte ich herzhaft lachen. Der Camino machte erfinderisch. Meinen Hut hatte ich auch vor ein paar Tagen eingebüßt und lief mit einem Shirt auf dem Kopf wie Lawrence von Arabien durch die Gegend. Dafür besaß ich jetzt wieder einen Stock. Er war mir sozusagen zugelaufen. Den neuen Wanderstock vergaß ich schon wieder gerne. Ich mußte oft zurückgehen, um ihn zu holen.

Ich mag den Stock sehr, damit kann ich jonglieren oder etwas untersuchen. Einmal saß ich auf dem Klo und das Licht ging aus (Zeitschaltrelais). Bedauerlicherweise war der Schalter 3m entfernt. Seitdem gehe ich nur noch mit meinem Stock aufs stille Örtchen! So ein Stock ist schon ein guter Freund.

 

Cobreiro

24. 4. 2009

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Ein Esel am Rand des Weges

Heute morgen war mir nicht klar, wie weit es gehen würde. Am Anfang ging es an der Straße entlang, um später ins Valcarcetal überzugehen! Satte grüne Wiesen und braune Kühe. Da fühlte ich mich fast wie in Bayern, nur die Berge sind hier etwas höher. Später ging es durch von Esskastanien gesäumte Hohlwege nach La Faba hinauf, wo ich zum weiss nicht wievielten Mal meine Ladys aus Finnland traf! Wie immer gab es ein großes Hallo. Dann bin ich entschlossen nach Cobreiro weitergegangen, da vom Wetterbericht Regen vorausgesagt war und ein plötzlicher Wetterumschwung in den Bergen unangenehm werden konnte. Kurz vor der Kammhöhe quollen auch schon dicke Wolken über die Berge. Innerhalb kurzer Zeit stand ich im dicken Nebel, doch war es nicht mehr weit! Im Schlafsaal standen 40 Doppelstockbetten. Sie waren voll belegt, na gute Nacht! Ich schaute aus dem Fenster und sah keine 5 Meter weit!

 

Von Cobreiro bis Triacastela
25. 4. 2009

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800 Jahre alte Esskastanie

22 Kilometer von Cobreiro bis Triacastela. Es gab einen Mix aus Sonne und Wolken. Im Schatten betrugen die Temperaturen kühle 8 Grad. Am Morgen waren die Kiefern mit Raureif überzogen. Es sah aus wie zu Weihnachten. Der Weg führte über den Höhenrücken durch einen gespenstisch wirkenden Kiefernwald. Wabernde Nebelschwaden verstärkten diesen Eindruck. Tolkien ließ grüßen. Später ging es wieder talabwärts vorbei an grünen Wiesen und später durch urige Baumbestände nach Ramil, wo diese über 800 Jahre alte Esskastanie zu bewundern war.

Der Hexenglauben ist in dieser Region tief verwurzelt. In ein paar Tagen gelange ich zu einem vielbeschriebenen Hexenwald auf den ich schon jetzt gespannt bin.

In der Herberge traf ich Anneke und Jakob wieder. Nach der gemeinsamen Pilgermesse aßen wir gemeinsam und der Abend endete bei Wein und guten Gesprächen. Die Pilgermesse war etwas Besonderes. Jeder las in seiner eigenen Sprache den Pilgersegen und der Priester zelebrierte die Messe gestenreich. Das Abendmahl nahm sich jeder selbst, was außergewöhnlich war.

Sarria
26. 4. 2009

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Finnische Pilgerinnen

Der Weg heute war wieder einmal so ein richtiges Naturerlebnis. Erst ging es den letzten größeren Anstieg vor Santiago hinauf, wobei ich durch einsame Dörfer in verwunschenen Wälder wanderte. Vogelgesang und das muntere Rauschen eines Baches waren meine Begleiter. Ich hätte auch eine Alternativstrecke über Samos gehen können. Diese war aber naturell nicht so eindrucksvoll. Ich hatte auch gar keine Lust auf Besichtigungstourismus. Der reißt mich immer so aus meiner Gedankenwelt. Es ging dann weiter über den Höhenrücken Richtung Sarria dem heutigen Ziel meiner Etappe (18km).

Unterwegs saugte ich die letzten phantastischen Weitblicke in mich ein bevor es durch Hohlwege, die auch für den Viehtrieb genutzt werden und voller Kuhschei… waren. Langsam ging es bergab. Aufpassen musste ich, um nicht im Dreck zu landen. In Sarria angekommen, spürte ich, wie mich die Erkältung ausgezerrt hatte. Jeder Schritt fiel mir schwer, daher beschloß ich einen Arzt aufzusuchen. Es war zwar Sonntag aber ich bin bei der Suche nach einer Herberge am Krankenhaus vorbeigekommen. Der Arzt stellte zur Erkältung noch eine Blase direkt neben der linken Mandel fest. Sie war schon sehr groß, so das ich Medikamente brauchte. Bei der Suche nach einer offenen Apotheke waren mir zwei ältere Damen behilflich, die mich abwechselnd begleiteten. Zum einen bekam ich Paracetamol und zum anderen eine schleimige Paste, die ich durch eine Kanüle aus einer Tube direkt auftragen mußte. Wie ekelhaft die schmeckte und dann noch die Berührung im Hals, da kam mir fast alles hoch.

Beim Abendessen traf ich meine finnischen Ladys wieder und wir sprachen ein bisschen über dies und jenes. Das Pilgermenü war sehr lecker und der Wein war angenehm leicht. Ja, ja ich weiß, das darf man nicht mit Schmerzmitteln zusammen einnehmen. Es war mir egal. Mein Zimmer war gut mit Menschen aus der Schweiz gefüllt, die alle schon in den Betten lagen.

Erkältet in Sarria

27. 4. 2009

Heute morgen beim Erwachen merkte ich, dass nichts mehr ging. Meine Erkältung hatte mich fest im Griff. Also beschloss ich, bis Mittwoch hier zu bleiben. Die Übernachtung kostete 35 Euro pro Tag. In einer Pilgerherberge konnte ich nicht absteigen. Ich lümmelte mich ordentlich im Bett herum. Beim Stadtrundgang blieb mir aber später schnell die Luft weg, wenn es eine kleine Anhöhe hinauf ging.

Die Freundlichkeit der Menschen ist hier geteilt. Frauen sind meist viel freundlicher als die Männer. Am Samstag in Triacastela hatte der Verkäufer sich vertippt und musste alles noch einmal eingeben. Dabei schnaubte er bei jedem Artikel wie ein wütender Stier. Er ging dabei mehrmals vor die Tür um sich Luft zu machen.

 

Jakobsweg – gesundheitsbedingter Abbruch
28. 4. 2009

Vielen Dank an meine treuen Schuhe

Vielen Dank an meine treuen Schuhe

28. 4. 2009. Seit einer Woche quälen mich Halsschmerzen und eine blöde Blase an der einen Mandel setzt mir ordentlich zu. Ich bin bei Hitze und Kälte, Regen und Sonnenschein über Kilometerlänge Anstiege und die letzten Berge hoch und runter geklettert. Ich merkte, dass es mir nur unmerklich besser geht wenn die Medikamente nachließen. Bei kleinen Spaziergängen blieb mir schon die Luft weg.

Nach 600 Kilometer Fußmarsch und 100 Kilometer vor dem Ziel ist an ein Weiterlaufen mit dem schweren Rucksack auf dem Rücken mit meiner jetzigen Erkältung und Infektion nicht mehr zu denken! Die 50 Prozent Energie sind einfach zu wenig für den Camino. Zum Pilgern gehört auch, dass man aufhören können muss, wenn es nicht mehr geht. Meine Pilgerreise endet in Sarria. Der Flug zurück ist auf morgen umgebucht und ich werde um 22.35 Uhr in Berlin-Tegel landen.

Ich höre mit einem lachenden und einem weinenden Auge auf, denn jeder Tag hier hat mich glücklich gemacht und ich wäre gerne bis Santiago gegangen. Die Dinge, die ich erleben durfte und mitnehmen kann, sind mir wichtig! Vor zwei Wochen träumte ich, dass ich meine Kräfte überschätze und weitergehe, obwohl ich es nicht mehr schaffe. Nun stehe ich aus gesundheitlichen Gründen vor dieser Entscheidung und bin mir sicher, dass der Abbruch in dieser Lage richtig ist. Für jeden Pilger verläuft diese Reise anders. Auch wenn ich während dieser Reise Santiago nicht zu Fuß erreicht habe, bin ich sehr weit gekommen.

Vielen Dank an diejenigen, die mich gedanklich begleitet haben.

Sven Roewer

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