Sonntags im Kremmener Scheunenviertel

Wenn Eltern ihre halbwüchsigen Sprößlinge so richtig langweilen wollen, fahren sie mit ihnen ins Kremmener Scheunenviertel, um ein Stück Kuchen zu essen. Das dröge Erlebnis dürfte den Entschluss des Nachwuchses stärken, sich zukünftigen Familienunternehmungen zu entziehen. Das Kremmener Scheunenviertel würde Durchfahrenden kaum auffallen, doch mangelt es nicht an Hinweisen auf diese Ansammlung von alten Gebäuden, die seit 1993 unter Denkmalschutz stehen. Der Verein ‚Scheunenviertel Kremmen e.V.‘ betont auf seiner Website die ‚einzigartige Symmetrie‘ und zitiert den ‚hohen ästhetischen Reiz‘ aus der gutachterlichen Stellungnahme des Brandenburgischen Landesamtes für Denkmalpflege.

Trödel im Scheunenviertel

Kremmen macht es seinen Besuchern nicht leicht, einen guten Ersteindruck vom Scheunenviertel zu bilden. Von der Autobahn kommend, befindet sich am Ortseingang zunächst eine Tankstelle. Man könnte direkt davor nach links abbiegen und gleich wieder nach rechts, um auf einem holperigen, reichlich mit Schlaglöchern versehenen Wegstück zum befestigten Teil zu gelangen, der in das Scheunenviertel führt.

Oder man fährt auf der Landstraße am Scheunenviertel vorbei, um durch den Ort dorthin zu kommen. Die innerorts zu befahrene Kopfsteinpflasterstraße, die mangels einer Alternative so zu nennen ist, befindet sich in einem schlimmen Zustand. Dass Kremmen oberpleite ist, wird von der Bausubstanz allzu deutlich signalisiert. Es ist kaum zu glauben, dass die Verwerfungen der ‚Straße‘ und die schiefen Bordsteine durch die jahrelange Nutzung zustande gekommen sind. Berichte von gelegentlichen Erdbeben mittlerer Stärke wären hier glaubhaft zu belegen.

Wo das Leben tobt … Tristesse in Kremmen

Mit langsamer Fahrt, Mut und Können ist der Weg ohne Schaden für das Auto zu bewältigen. Es ist haltbarer, als wir denken. Am Ende der Fahrt sind wir im historischen Scheunenviertel. Etwa 50 Gebäude stehen hier in aneinandergereiht in mehreren Zügen, entnehmen wir der Beschreibung des o.g. Vereins. Das Wort Straße wird vermieden, um eine begriffliche Nähe zu den übrigen Wegen Kremmens gar nicht aufkommen zu lassen, denn entlang der Scheunen sind die befestigten Pfade tatsächlich eben und uneingeschränkt befahrbar.

Marktplatz

Erstbesucher werden mit einem diffusen Erwartungsspektrum aus Kultur, Gastronomie, musealen Elementen und Antiquitätenhandel ankommen, das größtenteils bestätigt wird. In diversen Scheunen wird ein Mix aus geklöppelten Leinendecken, alten Nähmaschinen auf gußeisernen Gestellen, braunen Holzmöbeln und Truhen, vergilbten Malereien, Tonkrügen, emaillierten Schüsseln und weiterem rustikalen Plunder aus ländlichen Haushalten angeboten.

Ein Plakat lädt ein zum Drescherfest. Die Theaterscheune veranstaltet jedes Jahr im August eine Theaterwoche mit täglichen Veranstaltungen. Der Eintritt variiert zwischen 14 und 21 €.

Auf einem Marktplatz neben einem kleinen schilfumsäumten Teich vermutet der Besucher Trödel aus den Haushalten, Honig, Kuchen, neue Keramik, Wollenes vom Schäfer. Sie würden zum geplanten Ambiente des Ortes passen. Stattdessen bietet der Vietnamese billige Glückwunschkarten, Gummistöpsel, Kalender, Plastikfeuerzeuge und dergleichen an. Daneben sind Stände mit zeitgemäßen Klamotten aus billigster Produktion, angeboten von fremdländischen Händlern. Der Trödel an einigen Flohmarkttischen hat nicht selten Müllcharakter. Die äußerlich vollkommen heruntergekommene elektrische Bohrmaschine liegt zwischen einem modernen Plastikradio, einer Messingglocke und einem elektronischen Schachspiel.

Schnell wieder weg …

Gute Absicht trifft Tristesse. Auch wenn die Dächer der Scheunen neu gedeckt wurden, wirken die Gebäude heruntergekommen. Die spürbare Absicht, hier einen touristisch interessanten Ort zu schaffen, leidet unter der Einfallslosigkeit der Macher. Das kreative Potenzial der nahen Hauptstadt wird in keinster Weise genutzt. Dabei wären die Scheunen nach einer inneren Sanierung interessante Ausstellungsräume für anspruchsvolle Fotografien und Kunst.

Eine Antwort auf Sonntags im Kremmener Scheunenviertel

  • ganschow juergen

    Es ist Einiges wahr. Sieht es auf anderen Trödelmärkten anders aus? Dass die Gastronomie dort einzig und sehr gut ist, darüber schreibt dieser Mensch nicht. Warum ist das Theater immer restlos ausverkauft? Nebenbei gesagt; es sind meistens immer Berliner, sogar aus dem Westteil. Warum fährt dieser Mensch durch Kremmen? Von der 273 geht direkt eine sehr schöne Straße zu den Scheunen. Wenn man blind ist, dann sollte man erst gar nicht dort hin fahren. Rom wurde auch nicht an einem Tage aufgebaut. Warum kommen Zigtausend Menschen zu den großen Veranstaltungen? Auch Politik und Prominenz sind mit dabei. Auf solche Nörgler kann man verzichten. Es hat sich viel getan in Kremmen. Ich fühle mich wohl hier. Nur noch eine Frage an den vernörgelten Menschen: Warum bauen Leute und ziehen nach Kremmen? Die Antwort ist: Weil sie hier Ruhe finden, die Natur genießen; weil die Menschen hier freundlich und nett sind und es hier keine Nörgler gibt. Für uns Kremmener scheint jeden Tag die Sonne. Für unzufriedene Menschen gibt es nur Dunkelheit und Blindheit.

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    Thomas Gade: Es freut mich, dass es Ihnen in Kremmen gefällt. Auch ich bin gerne und häufig in der Gegend. Die Natur und die Ruhe sind wohltuend. Über unsere Erlebnisse im Rhinluch und die Beobachtung von Zugvögeln sind hier diverse Beiträge erschienen, die sicherlich unsere Freude am Erlebten vermitteln. Doch das kremmener Scheunenviertel finde ich angesichts der vielen schönen Orte in Ihre Gegend langweilig. Lieber speise ich in der Seelodge mit schönem Blick aufs Wasser oder am Teich bei der Fischerhütte in Linum oder unternehme Wanderungen im Rhinluch.

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