Märchenskizzen – II – Reise nach Indien

Gundi, die Kuh –  Eines Tages erschien eine Brieftaube im Aussteigerwald und legte eine Nachricht in den ausgehöhlten Baumstamm, der als Briefkasten fungierte. Die aufmerksame Krähe Elvira entdeckte den Brief und brachte ihn zu Anneliese und Kunibert.  Zu ihrer Überraschung kam er aus Indien und war von mehreren Vögeln etappenweise zugestellt worden.  Die Nachricht vom Eintreffen des Briefes verbreitete sich schnell und von allen Seiten kamen die Bewohner des Aussteigerwaldes zusammen, um seinen Inhalt zu erfahren. Anneliese reichte ihn an Elvira weiter, die  damit auf einen Ast über der versammelten Schar flog und das Schreiben mit ihrer klaren und kräftigen Stimme verlas.

„Sehr geehrte Bären, Enten, Hühner, Schnecken, Schweine und andere Tiere im fernen Aussteigerwald! Ich hoffe, dass dieser Brief euch im lesbaren Zustand erreicht hat und würde mich sehr über eine Antwort freuen. Mein Name ist Gundi und ich gehöre zur Gattung der Kühe.  Das ist in Indien sehr praktisch, weil wir hier heilig sind und machen dürfen,  was wir wollen und uns völlig frei auf den Straßen bewegen können. Meine Heimat ist ein vor langer Zeit von den Menschen erbauter und längst verlassener alter Tempels in einem Wald in der Nähe eines Flusses. Hier lebe ich mit meinen Freunden. Das sind einige Kühe, Affen, Vögel und Eidechsen. In der Nähe gibt es eine befreundete Elefantenfamilie die mit uns Karten spielt und uns mit Bananen versorgt.  Elefanten sind riesige Tiere mit einem Rüssel und großen Ohren. Sie können nicht fliegen.    ….“

Gundi hatte noch viel mehr geschrieben. Zusammengefaßt stand darin, dass sie und ihre Freunde ebenso wie die Tiere des Aussteigerwaldes besondere Talente und Fähigkeiten hatten. Die indischen Tiere konnten miteinander kommunizieren. Sie lasen, musizierten und veranstalteten tägliche Beratungen und meditierten gemeinsam zum Wohle aller. Dabei lagen sie unter einer Baumgruppe, über deren Zweige die Affen Baumwolltücher gespannt hatten, um  das grelle, heiße Sonnenlicht abzumildern oder sie zogen sich in die Tempelruine zurück.

In letzter Zeit hatten sie wiederholt Geschichten von den Tieren des Aussteigerwaldes gehört. Es war ihnen nicht entgangen, dass Kunibert und Horst ein vielbeachtetes Forum im Internet betreuten, das sich eindeutig nicht nur an Menschen richtete. Was hätten diese mit den Kategorien ‚Probleme beim Schnüffeln neben Autobahnen‘  oder ‚Welches Futter soll mein Frauchen/Herrchen kaufen?‘ anfangen können.  Besonders regen Zuspruch fand der Bereich “Wie werde ich im Bett des Frauchens/Herrchens geduldet?‘ mit über 6800 Einträgen. Das Durcheinander der Antworten der nichtsahnenden Menschen und schlauen Tieren, die  – auf welche Art auch immer –  ihren Senf dazu gaben,  war genial und das Forum gehörte mittlerweile zu einem des bestbesuchten Web-Adressen. Gundi nahm zu Recht an, dass es beträchtliche  Einnahmen aus Werbeeinblendungen bringen mußte, die für die kommende Idee von großer Bedeutung sein würden.

Gundi berichtete über Beratungen, in denen ihre Gemeinschaft lange darüber debattiert hatte, eine Delegation aus dem Aussteigerwald einzuladen, um den Trend zur Globalisierung gerecht zur werden und einen internationalen  Gedankenaustausch zu führen. Auch hatte man Ideen für gemeinsame Aktivitäten zur Lenkung des Handelns der Menschen entwickelt, die nach Meinung der indischen Tiere häufig Unvernünftiges taten.  Einige Bedenken der Hauptaffen, die seltsamerweise Mogli und Kippling hießen, mußten aus dem Weg geräumt werden, bis alle hinter dem Vorschlag standen. Die Entscheidung war ihnen nicht leichtgefallen. Bären sind große gefährliche Tiere. Enten, Schweine und Nacktschnecken hatten auch ihre Eigenarten.  Möglicherweise vertrugen sie die Hitze im fremden Land nicht.  Wie sollten die Gäste ernährt werden? Ja, und womit sollten sie die Reise antreten? Nach einer langatmigen Beschreibung folgte die Einladung der Aussteigertiere nach Indien.

Die lauschenden Tiere im Aussteigerwald staunten nicht schlecht. Horst knuffte Kunibert in die Seite. „Hey Kunibert, da fahren wir hin. Einen Elefanten wollte ich schon immer mal haben.“ Annelieses strengen Blick nach diesem geistreichen Kommentar ignorierte er. Kunibert knurrte leise: „Du und ein Elefant. Das ich nicht lache.“  „Mensch Kunibert, denk doch mal bloß, was wir mit dem alles davonschleppen können.“   Kunibert, der Horst Abneigung gegen das Tragen von Dingen aller Art kannte, dachte für sich, dass dieser Hinweis nicht von der Hand zu weisen sei und lächelte vor sich hin. „Kunibert,“ raunte Anneliese „hör nicht auf das  Schwein!“ Den anderen Tieren war diese Unterhaltung entgangen, weil sowieso alle durcheinander schnatterten, grunzten oder sich sonstwie äußerten. Kunibert klopfte lauft auf einen Baumstamm. Alles wurde still und blickte ihn an. „Also Freunde,“ sagte er, „diese Einladung ist ganz nett und gerne würde ich Gundi einen Besuch abstatten.  Doch wie sollten wir einen so weiten Weg zurücklegen? Wir können schlecht einen Flug buchen.“
„Wieso, das läßt sich bestimmt machen“, meinte Horst und entwickelte einen Plan. Für die Zugvögel unter den Aussteigertieren waren die Transportprobleme der anderen ein Grund zum Schmunzeln.

Plötzlich hatte Anneliese einen Geistesblitz. Sie sprang sofort auf und rannte im Sauseschritt zum Schuppen um nachzuschauen, ob der fliegende Teppich noch da war. Den hatte sie von einer entfernten Verwandten geerbt und noch nie ausprobiert. Sie zerrte den verstaubten und von den Motten durchlöcherten Teppich zum Versammlungsort. Da staunten die anderen Tiere nicht schlecht und jubelten vor Freude. Horst und Kunnibert wurden von ihr als Versuchskaninchen bestimmt und mußten sich auf das unbekannte Flugobjekt setzen. Anneliese murmelte drei unverständliche Sätze vor sich hin und schon erhob sich der Teppich in die Lüfte. Die sonst so mutigen Gesellen machten sich vor Angst buchstäblich in die Hosen und nach einem kurzen Probeflug beorderte Anneliese sie wieder auf die Erde zurück. Die anderen Tiere feixten sich eins und lachten und johlten über die zwei Angsthasen. Besonders die Enten Paul und Paula und die Krähe Elvira konnten die Aufregung der Beiden überhaupt nicht verstehen. Endlich hatte das Pilotenduo  wieder festen Boden unter ihren Beinen. Horst holte auf diesen Schreck ersteinmal zwei Flaschen Bier aus der Höhle, es folgten wohl noch etliche Biere an diesem Tag . Schon morgen könnte die Reise losgehen.

Noch ganz fasziniert von Annelieses Fund im Schuppen stupste Horst seinen Freund an und flüsterte: „Nach unserer Indienreise müssen wir unbedingt den Schuppen gründlich inspizieren. Wer weiß, welche Kostbarkeiten da noch zum Vorschein kommen? Die können wir dann bei ebay gewinnbringend verramschen.“ Kunibert, der immer noch benebelt von dem Flugmanöver war, nickte zustimmend.

Der Fakir

Kunibert und Horst verdauten ihre Überaschung über das Vorhandensein eines fliegenden Teppichs schnell, obwohl sie vorher nicht im Traum daran gedacht hatten, dass so ein Flugzeug tatsächlich existierte.  Anneliese hatte ihnen den großen Teppich überlassen, der sehr alt und fadenscheinig aussah. Das Gewebe machte nicht den Anschein, die weite Reise  nach Indien zu überstehen. Zudem war ein ausgewachsener Bär bedeutend schwerer als ein Fakir, der die Kunst des Teppichfliegens beherrschte. Vom Teppichknüpfen verstanden Kunibert mit seinen großen Bärentatzen und Horst mit seinen Klauen gar nichts.   Sie holten sich ein paar Biere und legten sich auf eine schöne Wiese, um nachzudenken. Schließlich meinte Host: „Wir sollten Gundi fragen. Immerhin lebt sie in Indien und von dort stammen die Geschichten von fliegenden  Teppichen.“

Natürlich schickten sie keinen Brief mit der unzuverlässigen Vogelpost los sondern benutzten Emails. Die Adresse von Gundi war schnell gegooglet. Gundi freute sich sehr, von ihnen zu hören und wurde ganz aufgeregt, als man ihr von dem Teppich berichtete. Schon lange hatte niemand mehr von ihnen gehört und allgemein war man der Auffassung, dass es keine mehr gäbe. Und nun war nach langer Zeit einer aufgetaucht! Einige indischen Tiere schwärmten aus, um von Fakiren alle Informationen über fliegende Teppiche zu erfragen. Andere begaben sich des nachts in Büchereien  mit wertvollen alten Schriften. Vieles, was sie erfuhren war mystischer Unsinn und völlig unzuverlässig, doch  nach und nach fanden sie folgendes heraus. Es gab zwei Arten von fliegenden Teppichen. Die einfachen konnten sich in die Lüfte erheben und wurden von kundigen Teppichpiloten, im allgemeinen Fakire, in beliebige Richtungen bewegt. Sie waren nicht besonders schnell und für eine Fernreise sicherlich nicht geeignet. Doch enthielten die Berichte auch Hinweise auf ganz seltene spezielle Teppiche, die weitere nützliche Eigenschaften hatten.  Ihre Teppichpiloten konnten sich die Drehung der Erde, die im Laufe von 24 Stunden eine volle Umdrehung macht, zunutze machen.  Mit einem besonderen Zauber wurden die in der Luft schwebenden Teppiche von der Erdumdrehung ausgeschlossen, so dass sich diese unter ihnen drehte. Erschien das gewünschte Ziel, nahm der Teppich wieder an der Erdbewegung teil und konnte sicher gelandet werden.  Hierzu waren schrecklich komplizierte Vorgänge und gemurmelte Formeln notwendig, die nur ein Weiser, dem sie von klein auf an beigebracht wurden,  beherrschte. Gab es so einen Meister noch? Immerhin hatten die Tiere einen ganz großen Vorteil. Die Zugvögel, die gut mit den Bewohnern des Aussteigerwaldes vertraut waren, hatten Fähigkeiten, die für die Beherrschung eines fernreisenden  Teppichs von großer Bedeutung waren.  Für das Erlernen dieser  Zugvögelfähigkeiten brauchte ein begabter Mensch fast dreissig Jahre.  Nur weniger hatten es geschafft. Mehrerer Indizien wiesen darauf hin, dass der Teppich von Anneliese fernflugtauglich war. Wie sonst wäre er zu seinem jetzigen Aufbewahrungsort gelangt?  Gundi teilte den Aussteigern mit, dass der Affe Mogli einen sehr alten Fakir mit dem seltsamen Namen Tep-Air gefunden hatte, der sehr gut die tierischen Sprachen verstand und sprach und behauptete, von seinem Vater, der sie widerum von seinem Vater und der von seinem Vater uns so weiter, die Geheimnisse des Teppichflugs gelernt zu haben, obwohl ihnen schon lange keiner mehr zur Verfügung gestanden hat.   Tep-Air, von seinen jahrzehntelangen  Meditationen ein wenig gelangweilt, konnte leicht überredet werden zu den Aussteigerwaldtieren zu reisen, um ihnen gemeinsam mit den Zugvögeln zu helfen, den Teppich reiseklar zu machen und sie darauf nach Indien zu fliegen. Der Ausgang dieses Vorhabens war völlig ungewiß.

Die Tiere organisierten mit dem Geld von Horst und Kunibert Tep-Airs Reise, die der alte Mann mit wenig Gepäck tatsächlich in eine nicht allzuweit entfernte Stadt brachte,  von wo aus er sich zu Fuß auf den Marsch in den Aussteigerwald machte. Ein paar Vögel, die über Tep-Airs Fahigkeit, mit ihnen zu schwatzen erstaunt waren, begleiteten ihn zum Treffpunkt mit Anneliese und Kunibert, die hofften, dass er bei ihrem Anblick keinen Herzinfarkt erleiden würde. Schließlich waren sie furchteinflößende Tiere.  Doch Tep-Air lächelte nur freundlich, als sie nach einer gebrummten Warnung aus dem Gebüsch traten und sagte nur: „Aah, da seid ihr ja!“ Die Bären staunten nicht schlecht über das Verhalten und die Erscheinung des alten dürren Fakirs.  Er trug ein unzureichend wirkendes Tuch um den Leib gewickelt und körperlich schien er in keinem besseren Zustand zu sein als ihr Teppich.   Er wirkte genauso fadenscheinig und verbraucht. Seine Haut  war faltig und seine langen filzigen Haare hatte er auf dem Kopf verknotet.  Seine Augen waren dunkel wie die Glasaugen von Stoffbären. Die Bären schnüffelten; offenbar hatte Tep-Air schon eine Weile nichts gegessen und schien sich nicht übermäßig stark zu reinigen. Trotz seines erbärmlichen Aussehen fror er nicht und bewegte sich behende.   Kunibert schob vorsichtig seine Pranke nach vorne und griff Tep-Airs Tasche, die kaum Gepäck beinhaltete.  Anneliese hatte zwei Flaschen Bier und etwas zu essen  in einem Beutel dabei. Zu ihrer Überraschung akzeptierte Tep-Air sowohl das Bier als auch die Mahlzeit. Er hockte sich auf einen umgefallenen Baumstamm und trank beide Biere zügig mit großem Behagen und vertilgte dann einen belegten Pfannkuchen ohne zu fragen, wie Tiere an solche Speisen geraten waren und seufzte dann: „Ja ja.“ Kunibert bot ihm an, in auf seinem Rücken zu tragen.  Tep-Air kletterte mit der Bemerkung, „Ooh, ich ritt noch nie einen Bären.  Aber es sollte leichter sein als einen Teppich zu fliegen.“,  auf Kunibert und hielt sich an seinem Pelz fest.  Sie trotteten los und erreichten bald den Aussteigerwald. Vor den Höhlen und auf den umliegenden Bäumen hatten sich allerhand Tiere versammelt, die neugierig auf den weitgereisten Gast warteten.

Der fliegende Teppich

Der Fakir Tep-Air wurde im Aussteigerwald stürmisch von den versammelten Tieren begrüßt. Sie beäugten und beschnüffelten ihn eingehend und waren sich rasch einig, dass von ihm keine Gefahr drohte. Sie nahmen ihn in ihre Runde auf.  Tep-Air verblüffte die große Ansammlung und die Vielfalt der Tiere.  Ihr Verhalten untereinander entsprach keineswegs den üblichen Verhaltensweisen. Sie respektierten sich gegenseitig. Tep-Air fragte sich, was oder wen die Tiere, insbesondere die Fleischfresser verpeisten, konnte aber des Rätsels Lösung nicht  erkennen. Nachdem Ruhe unter den aufgeregt hin und her laufenden, krabbelnden, kriechenden oder fliegenden Tieren eingekehrt  war wünschte der Fakir den alten Teppich zu sehen. Anneliese holte das gute Stück und entrollte ihn auf der Wiese vor der Bärenhöhle. Tep-Air staunte nicht schlecht. Der Teppich war riesig. Er würde sich gut auf dem Boden eines mittelgroßen Palastzimmers machen und war trotz seines fadenscheinigen und schmuddeligen Zustands von erstklassiger Qualität. Er war aus feinsten Knoten geknüpft und würde unter Kennern ein Vermögen kosten. Seine Oberfläche wirkte wie Seide. Und er war sehr alt, denn diese Machart gab es schon seit Jahrhunderten nicht. Bevor Tep-Air seine Musterung beendet hatte, beorderte die Bärin Anneliese das Schwein Horst und seinen Ferkelnachwuchs auf den Teppich und murmelte, besser gesagt, brummte ihre  Formeln. Der Teppich flatterte leicht, die Ferkel quietschten vor Freude, er erhob sich ein wenig und schwebte ruhig in Mannshöhe über dem Boden.  Margot guckte besorgt zu ihren Ferkeln. Horst zwinkerte ihr zu und grunzte beruhigend zurück.  „Wahrlich erstaunlich.“, sagte Tep-Air, der nicht gewußt hatte, dass Tiere Teppiche fliegen lassen können. Das was Anneliese von sich gegeben hatte, war in seinen Ohren nur ein sehr einfacher Zauber, um einen Teppich abheben zu lassen und er sprach laut eine Formel, die ihn sofort unter seine Kontrolle brachte. Er schwebte immer noch an derselben Stelle, hatte aber aufgehört zu flappen. Er lag ruhig da wie ein Brett. Das freute Tep-Ari sehr, da er bislang nie hatte feststellen können, ob die ihm überlieferten Formeln tatsächlich wirkten. Seine Versuche mit einfachen leichten Schilfmatten hatten ihnen im besten Fall ein kleines Zucken entlockt. Doch dieser Teppich schien nur auf seinen Kommandos gewartet zu haben. Vorsichtig ließ Tep-Air den Teppich runter und setzte sich darauf. Dann hob er wieder ab, murmelte vorsichtig Formeln und bewegte den Teppich mal hier und dorthin. Es war einfach und mit etwas Übung würde er ihn unter Kontrolle bekommen.

Tep-Air stellte eine Gruppe Vögel zusamen, die ihm helfen sollten, den alten Teppich wieder auf Vordermann zu bringen. Ein paar Kolibries, Meisen und Spatzen konnten mit feinsten Seidenfäden die schadhaften Stellen des Teppichs ausbessern. Zudem woben sie auch feinste Federn von schnellen Zugvögeln in das Gewebe. Menschliche Hände wären für so feine Arbeiten gar nicht geeignet. Die kleinen Vögel, die Erfahrung mit dem Bau ihrer Nester hatten, begriffen unter Tep-Airs Anleitung schnell,  worauf es ankam und gingen mit viel Freude und lautem Gezwitscher an ihre Arbeit. Die anderen Tiere des Aussteigerwaldes kamen immer wieder vorbei, um den Fortgang der Teppichsanierung zu beobachten. Abends übte Tep-Air das Bewegen des Teppichs und konnte ihn alsbald gut fliegen. Er fand auch heraus, wie man ihn so an einer Stelle schweben läßt, dass sich die Erde unter ihm drehte und wie man dabei spiralförmige Bahnen vorgab, um jeden Ort erreichen zu können.

Die anderen Tiere beobachteten das Treiben und debattierten fleißig über die Zusammenstellung der Delegation , die nach Indien reisen sollte. Die Nackschnecken Wilma und Walter wurden ausgeschlossen, weil sie den ganzen Tag nichts anderes taten als fressen, rumkriechen und schmusen. Von ihnen war kein ernstzunehmender Beitrag zum globalen Treffen der Tiere zu erwarten. Horst und Kunibert setzte sich auf die obersten Plätze der Liste, die  ihnen niemand streitig machte, gefolgt von den Enten Paul und Paula, die sich vorab bei Gundi über die Schwimmmöglichkeiten erkundigt hatten, denn Enten brauchten zumindest einen Tümpel.  Die alten Hühner Gertrud und Gertrude hatten schon immer gerne in Gurumagazinen geblättert und bestanden darauf, einen indischen Ashram zu besuchen. Insgeheim beschlossen sie, ihre Federn vor der Reise rosa einzufärben.  Elvira, die Krähe wollte auch mit, doch dagegen stimmten etliche Tiere, die von Horst heimlich dazu aufgefordert worden waren. Wer weiss, was er ihnen im Gegenzug versprochen hatte? Anneliese ahnte, dass Horst gegen die schlaue Krähe intrigiert hatte und mischte sich entschlossen ein:  „Ihr nehmt Elvira mit! Wer etwas dagegen hat, bekommt es mit mir zu tun.“ Kunibert guckte überrascht, war aber klug genug, sein Maul zu halten. Horst grunzte scheinheilig in die Runde: „Willkommen im Reiseteam.“  Elvira saß auf einem Ast über ihm und tat als ob sie ihn nicht wahrgenommen hatte. Genüßlich ließ sie einen kleinen Haufen auf Horst Rücken platschen, was diesen sehr erboste. Er quiekte empört auf und verschwand zur Badestelle.

Margot und Anneliese stellen Gastgeschenke zusammen, während sich die Delegation um den Reiseproviant kümmerte. Tep-Air versicherte ihnen, dass die Reise einen Tag dauern würde, was die Tiere nicht davon abhielt, große Futtervorräte auf den Teppich zu laden, da sie den Gegebenheiten in dem fernen Land nicht trauten. Im Proviantstapel befanden sich auch etliche Bierflaschen und ein paar Krüge mit Selbstgebrannten. Glücklicherweise war der Teppich groß und dank seiner Reparatur kräftig und reißfest.

Margot, die schwanger war, und Anneliese, die ihr beiseite stehen wollte,  blieben im Aussteigerwald. Am Tag der Abreise bestieg die Delegation den Teppich und machte es sich darauf gemütlich. Tep-Air setzt sich auf den Pilotenfleck und hob mit der ganzen Bagage ab. Mit einem Zauber erzeugte er die winddichte durchsichtige Glocke um den Teppich mit seiner Fracht, die so vor dem eisigen Fahrtwind geschützt wurde und verhinderte, dass jemand oder etwas vom Teppich fiel.  Auf der Lichtung vor den Höhlen herrschte atemlose Stille als die Tiere den Start des Teppichs beobachteten. Auf beiden Seiten wurde zum Abschied gewunken. Anneliese und Kunibert guckten sich etwas traurig in die Augen. Der Abschied voneinander fiel ihnen schwer. Wer weiß, ob die Reise ein gutes Ende nehmen würde?  Kuniberts Beklommenheit wurde vom aufgeregten Horst, der seiner Margot viele Male alles Gute zugequiekt hatte, nicht geteilt. Endlich stupste er Tep-Air an und sagte: „Nun los, gib Gas!“ Der Fakir gab sein Bestes. Der Teppich schlingerte in wenig und sauste mit einem Affenzahn davon.  Die Besatzung ahnte nicht, dass sie kurz nach dem Abflug vom militärischen Radar erfaßt wurde.

Der Flug auf dem fliegenden Teppich

Kunibert wurde nach Start des fliegenden Teppich schlecht. Die rasante Bewegung und die urplötzlich aufkommenden Absturzphantasien ließen ihn mit geschlossenen Augen über den Rand des Teppichs kotzen. Horst, der gleich nach dem Abflug mit dem ersten Imbiss beschäftigt war, guckte erstaunt zu ihm rüber. Die Hühner, die Krähe und die Enten amüsierten sich und gackerten fröhlich durcheinander. Tep-Air ermahnte alle zur Ruhe, schließlich mußte er sich konzentrieren.  Er legte ein flottes Tempo vor und die Erde drehte sich schnell unter ihnen.

In einem Militärstützpunkt wurde der Teppich als schwaches Signal von einem Hochleitstungsradargerät erfaßt. Das Gerät richtete automatisch ein Spektroskop auf das unbekannte Objekt und erstellte eine Materialanalyse. Der wachhabende Beobachter traute seinen Augen nicht, als er sah, dass der Computer Wolle, Lebewesen und Lebensmittel  identifizierte. Es gab so gut wie kein Metall an Bord. Die Signatur der verhältnismäßig winzigen Metallmengen erinnerten an Chipstüten mit Aluminiumbeschichtung, was sie auch waren. Doch das konnte der Beobachter nicht wissen. Auch zeigte der Computer keinerlei Anzeichen von hochfesten Kunststoffen, aus denen das schnell bewegende Objekt hätte bestehen können. Johann, so hieß der Beobachter, saß in der Klemme. Sollte er Alarm auslösen? Er hatte schon mal eine Rüge kassiert durch einen Alarm, der durch eine falsche Beobachtung seinerseits zustande gekommen war. Das stand in seiner Personalakte und er war nicht bereit, sich einen weiteren Fehler zuschreiben zu lassen. Vielleicht trieben seine Kollegen ihren Spaß mit ihm. Ihm fiel sein Kumpel Pete ein, der gerade in nicht allzuweiter Entfernung von dem Objekt mit einem Düsenjäger unterwegs war. Pete und er hatten früher eine ganze Menge Blödsinn gemacht und hatten jeweils einen leicht angeschlagenen Ruf, der sie beide einige Beförderungen gekostet hatte. Er nahm Kontakt mit Pete auf, machte ein paar Bemerkungen und stellte ein paar Fragen, die für Außenstehende harmlos klangen und dennoch ausreichten, um seinem Freund nachsehen zu lassen, ob er in einem bestimmten Gebiet etwas finden könnte. Pete verstand sofort und wurde hellwach. Da ist  irgendwas im Gange, dachte er und änderte seinen Kurs nach den Anweisungen von Johann. Kurz darauf nahm er ein sehr schnell fliegendes Objekt wahr, das näher kam. Endlich konnte Pete sehen, um was es sich handelte und begiff sofort, warum sein Kumpel so vorsichtig reagiert hatte. Ein fliegender Teppich mit einem dürren  Fakir und einem Bären, ein Schwein, zwei Enten, zwei Hühnern und  einem scharzen Vogel, den er auf die Schnelle nicht identifizieren konnte nicht real sein. Der Bär sah irgendwie bleich aus und hielt unentschlossen eine Wurst in der Pfote. Pete schaltete die Kamera des Flugzeugs nicht ein. Nie und nimmer würde ihm jemand Glauben schenken. Er flog neben dem Teppich. Das Schwein winkte! Die Enten schwenkten eine kleine indische Fahne. Der Fakir sah erbost zu ihm rüber und hielt sich die Ohren zu. Dann beschleunigte er und sauste dem Düsenjet davon. Pete glaubte das Opfer einer Halluziantion geworden zu sein.  Aus seinem Kopfhörer erklang eine Frage von Johann, der in seiner Bodensation auf einen Bericht wartete. Pete sagte ihm, dass die Luft hier oben sehr klar sei und man vergessen könnte, dass sich hier etwas anderes bewegen würde. Johan verstand. Es war besser, den Vorfall zu vergessen. Er überschrieb die Aufzeichnungen von seinen Geräten mit leeren Datenströmen, die einen leeren Himmel signalisierten. Johann und Pete waren sich einig, niemals mit anderen über dieses Ereignis zu sprechen.

Währenddessen erinnerte Tep-Air sich an einen Unsichtbarkeitszauber und sorgte dafür, dass keine weiteren Beobachter auftauchten. Der Rest der Reise verlief nahezu ereignislos, abgesehen davon, dass Gertrud und Gertrude jeweils ein Ei legten. Die Tiere fraßen und dösten. Einmal landete Tep-Air, damit die quengelnde Reisegruppe austreten konnte. Endlich war das Ziel in Sicht. Der Teppich wurde bei hellem Mondlicht auf eine alte Tempelanlage im indischen Dschungel zugesteuert und setzte kurz danach auf dem Sandplatz vor den Ruinen auf.  Da der Unsichtbarkeitszauber noch anhielt, hatte nicht mal die Affen im Halbschlaf etwas von der Landung mitbekommen. Ein paar Tiere des Gastlandes nahmen ein paar ungewohnte Geruchsnoten wahr, die aber keine Gefahr signalisierten.  Sie schliefen weiter.

Ankunft und Begrüßung

Nach der geglückten Landung hatte Tep-Air einen kleinen Applaus erwartet, doch die Tiere auf dem Teppich waren  am schlafen und hatten kaum mitbekommen, dass sie wieder am Boden waren. Zwar spürten sie, dass der Teppich nicht mehr so bequem durchbeulte, wenn sie darauf lagen, aber sie grunzten und schnarchten munter weiter. Tep-Air seufzte, stand auf, lief ein bischen herum, um die Beine zu strecken und  beschloß, ebenfalls bis zur Morgendämmerung zu ruhen.

Dann, die Sonne war gerade einen Hauch über den Horizont gekommen, brach beim Tempel ein Tumult los. Die Affen waren zuerst wach, sahen den Teppich mit den daraufliegenden Tieren und dem Fakir, und verfielen in aufgeregtes Geschnatter, das sofort die anderen Tiere weckte. Horst und Kunibert rieben sich die Augen. Die indischen Tiere drängten heran. „Geht beiseite.“,  sagte eine tiefe Stimme und die Kuh Gundi drängte sich durch den Kreis der indischen Tiere, die neugierig auf ihre Gäste blickten. Ein paar kleine Affen und einheimische Küken hatten sich schon auf den Teppich gesetzt, weil er so schön weich war. „Willkommen, liebe Freunde“, begrüßte Gundi ihre Gäste und mit großem Hallo stellten sich die Tiere einander vor. Der große Bär Kunibert flößte den indischen Tieren Respekt ein. Ihre Scheu vor ihm legte sich erst, als der dürre klapperige Fakir Tep-Air sich streckte und sagte, „Kunibert, kratz mir mal den Rücken. Ich bin etwas verspannt.“ Voller Erstaunen sahen Gundi und ihre Freunde zu, wie Kunibert dem Fakir seinen Wunsch erfüllte und sofort drängte die größte Affenmama heran und forderte die  gleiche Behandlung ein.  Kunibert spielte gutmütig mit.  „Nun ist aber genug.“, sagte Gundi, als sie sah, dass auch andere Tiere zu morgendlichen Bärenmassage drängten. „Zuerst mailen wir euren Daheimgebliebenen, dass ihr wohlbehalten angekommen seid und dann gibt es Frühstück.“ Horst grunzte nach diesen Worten besonders erfreut seine Zustimmung.

Und so zog die Meute zum Versammlungsplatz neben einen Teich mit klarem Wasser, der die Enten vor Freude laut aufquaken ließ. Es war nämlich ganz schön warm in Indien und die Abkühlung kam allen recht. Zum Erstaunen der Inder sprang auch Horst ins Wasser, schwamm ein wenig und wälzte sich zum Trocknen auf den Rasen. Ein so reinliches Schwein hatten die indischen Tiere noch nicht gesehen.

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