Kirschwein von Aldi

Beim Betreten des Aldi Ladens bemerkten wir einen Behälter voller Flaschen mit ‚Erdbeer Wein‘ und ‚Kirsch Wein‘ nach ‚Oma Marie´s Hausrezept‘ für jeweils 1,49 €. Ein Liter Inhalt mit 8,5% Alkohol pro Flasche. Obwohl diese Sorte Getränk üblicherweise nicht zum Vorrat in unserer Speisekammer gehörte, blieben wir stehen. Wir hatten Urlaub und befanden uns auf einer Reise; da war so ein Experiment zu wagen. Eine Flasche ‚Kirsch Wein‘ wurde zum Kosten mitgenommen.
Abends wurden zwei Gläschen gefüllt und die erste langsamen Schlucke offenbarten, dass wir es mit einem ernstzunehmenden Getränk zu tun hatten. Der Kirschwein erinnerte an alte süße portugiesische Weine, wie Portwein oder gar an fruchtige Liköre, die üblicherweise den doppelten Alkoholgehalt aufwiesen. Erinnerungen an Geschichten über die früheren Seefahrer auf dem Weg in die neuentdeckten Länder Amerikas wurden wach. Sie hatten bei Madeira oder den kanarischen Inseln angelegt, um die gehaltvollen, schweren Weine in Fässern an Bord zu nehmen, der sowohl von den Seeleuten als auch von den neuen Bewohnern der Kolonien geschätzt wurde.
Der zweite Schluck ließ eine weitere Erinnerung aufkommen. Vor vielen Jahren feierte ein alter Nachbar seinen Geburtstag in einer seiner Stammkneipen. Geladen war sein soziales Umfeld, das aus langjährigen Trinkern mit angegriffener Gesundheit und unlösbaren finanziellen Problemen bestand. Sie hatten sich in dem düsteren Raum aus nikotinüberzogenen Holzwänden um eine lange Tischreihe versammelt und trugen ihre besten Sachen. Es wirkte wie das Treffen nach der Beerdigung eines alten Saufkumpans. Alle waren still und voll. Der Gastgeber hatte sich ein Glas Champagner einschenken lassen. Er rauchte ein Zigarre. Die Kumpels saßen da und rätselten, wie diese Versammlung ablaufen sollte. Sie guckten zum Gastgeber, der in seinem grauen Anzug, von dem keiner wußte, wo er herkam und aus welcher Epoche er stammen konnte und seinem Champagner und der Zigarre ungewohnt würdig wirkte. Die Aschespitze der Zigarre löste sich und fiel in den Champagner. Der Gastgeber blieb ungerührt. Im Glas fand eine Reaktion statt. Der Champagner sprudelte auf. Es wurde mucksmäuschenstill. Alle sahen gebannt zu. Die oben treibende Asche legte sich als feiner Ring dicht an das Glas. Danach war der Champagner wieder klar. Der Gastgeber hatte diesen Vorgang ruhig abgewartet und anschließend einen tiefen genussvollen Schluck genommen. Die Säufer staunten respektvoll. Die anschließende Rede war kurz: „Bedient euch!“ Sie bestellten sich ihre Getränke und fingen an zu reden. Schnell wurde es laut.
Ich war damals als junger Student eher zufällig mit eingeladen worden und wollte die makabere Ansammlung so schnell wie möglich wieder verlassen. Vor mir stand ein schwerer Rotwein, den ich anstandshalber bestellt hatte. „Junge, du solltest solche Sachen nicht trinken, wenn du Geheimnisse hast.“, sagte der Gastgeber bedächtig zu mir. „Nach dem zweiten Glas plauderst du sie aus.“
Der Kirschwein ließ mich an diese Worte denken. Der gefühlte Alkoholgehalt lag bei 16,5 % und diejenigen, mit denen man eine Flasche diese lieblich fruchtigen Gesöffs teilte, wurden spontan zu Vertrauten. Schon zwei kleine Gläschen hatten einen beachtliche Wirkung , die erhebliche Zweifel an den angegebenen 8,5% Alkoholgehalt aufkommen ließen. Für 1,49 € wurde hier eine alkoholische Reise der besonderen Art angeboten.

Wie wird er getrunken? Unser Kirschwein hat wenig gemeinsam mit den trockenen Cabernet Sauvignons und dessen Konsorten. Er ist ein Getränk, das man sowohl bei Zimmertemperatur als auch mit Eis und verdünnt mit Mineralwasser trinken kann. Die üblichen Weinrituale darf man hier ruhig unbeachtet lassen. Als Aperitif und als kleine Stärkung zwischendurch ist der Kischwein empfehlenswert, aber unverdünnt als Hauptgetränk am Abend gefährlich.

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