Heißer Tango im Mon Bijou Park

Neulich sagte ich zu meinen Kumpels, dass ich gerne aus Berlin wegziehen möchte, sollte sich anderorts eine gute Jobgelegenheit ergeben. In der Stadt fehlte mir die Wahrnehmung von natürlichen Ereignissen, wie den Sonnenaufgang oder der Anblick des Vollmondes. Weil meine, eigentlich sehr schöne Wohnung, leider keinen Balkon hatte und in die falsche Richtung zeigte, war solches von zu Hause aus nicht sichtbar.

Nachdem das Wetter endlich mal sommerlich anmutete und der Vollmond leuchtete, wollte ich eines Abends gerne etwas unternehmen. Ich hatte zuvor überrascht gelesen, dass Berlin nun auch die Stadt des Tangos sei und jeden Abend Milongas (Tangotanzabende)  stattfanden.  Besonders schön sollte es in der Standbar am Mon Bijou Park sein –  eine Open Air Milonga. Das schien ein idealer Abschluss für den Tag zu sein und so wollte ich mir das Tanzen mal anschauen.  Indes schlugen alle meine Versuche, jemanden mitzunehmen, fehl. Um mich alleine aufzuraffen, musste ich stark gegen meinen inneren Schweinehund ankämpfen.

Eigentlich war ich ja schon den ganzen Tag unterwegs gewesen, ich musste schließlich nicht an allen Aktivitäten teilnehmen, zu Hause habe ich auch viel zu tun etc.“,  versuchten meine Gedanken mich von dem Vorhaben abzubringen.  Ich schaffte es dann doch, mich aufzuraffen. Es war noch hell, die Temperatur angenehm und die Radtour entlang der Spree wie immer, ein schönes Erlebnis.

Als ich beim Tango ankam, waren schon zahlreiche Pärchen auf der Tanzfläche. Ich versuchte die Stimmung aufzunehmen. Spanische Musik, deutsche Ernsthaftigkeit beim Tanzen, wenig Sinnlichkeit und kaum ein Lächeln. Ist das Tango? Muss das so sein? Klar, es ist toll, wenn Leute tanzen und einige Tänzer fielen positiv auf.  Doch zunächst wirkte die Veranstaltung recht leidenschaftslos.

Tango am Abend

Tango am Abend - Zunächst ein biederes Ambiente

Dann plötzlich sah ich sie, ein älterer Herr, der sehr gut tanzte und eine sehr junge Frau, die zuvor mit einem Mann getanzt hatte, mit dem sie nicht so richtig harmonierte. Die beiden allerdings tanzten so, dass man schon vom Zuschauen verzaubert war. Meine Haare standen zu Berge; ich konnte mein Augen nicht von ihnen lösen. Sie bewegten sich so harmonisch, voller Freude und mit dem spielerischen Locken, so wie ich mir Tango immer vorgestellt habe. Es stellte sich heraus, dass die beiden sich nicht kannten und noch nicht miteinander getanzt hatten. Sie zogen mich völlig in den Bann. Der Vollmond zeigte sich in voller Leuchtkraft über dem Berliner Rathaus. Plötzlich fiel mir auf, wie schön es doch in dieser Stadt war.

Mittlerweile versuchten zwei Männerpärchen im Gleichschritt über das Parkett zu schweben, und zwei Frauen tanzten engumschlungen. Wo gibt es so etwas in dieser Lässigkeit? Klar, in Berlin. Auf dem Rückweg schlenderte ich über die Oranienburger Straße. Internationales Stimmengewirr, viele Familien, auch mit sehr kleinen Kindern bummelten dort entlang. Es war so lebendig, wie in einer Kleinstadt bei einem Großereignis.  Dass nebenan die Mädchen vom horizontalen Gewerbe standen und sich in ihrer jungen Schönheit, mit langen Beinen präsentierten, gehörte ganz selbstverständlich zum Straßenbild. Auf dem Rückweg radelte ich an zwei Beachbars entlang, aus denen heiße Rhythmen erklangen und der Mond begleitete mich an diesem unvergesslichen Abend bis nach Hause.

Mond über dem Regierungsviertel

Mond über dem Regierungsviertel

 

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