Die Wanderschuhe

Nach einigen winterlichen Ausflügen und Rodelbahnbesuchen machte mein Freund sich Sorgen wegen meines Schuhwerks. Er meinte, dass ich nichts Passendes für solche Touren hätte und redete gelegentlich von Wanderschuhen. Ich erhielt per Email einen Link zum Angebot von Lands‘ End. Doch wenn das Thema aufkam, wiegelte ich ab. Eines Tages überreichte er mit einen Schuhkarton mit hochwertigen Wanderschuhe mit hohen Schäften zum Schutz der Waden und Gelenke. Noch nie hatten sich welche in meine umfangreiche Schuhsammlung verirrt und ich habe sie bisher nicht vermisst.

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Schuhe für Stock und Stein?

Irritiert hielt ich diese klobigen Treter in der Hand. An den Füßen erwiesen sie sich als reinste Folterinstrumente. Sie drückten vorne, hinten und an den Waden. Wir machten einen Spaziergang. Danach brannten meine geschundenen Füße wie Feuer. Ein warmes Fußbad und Efasit Fußbalsam, der mit zur Linderung der Beschwerden verabreicht wurde, waren nur ein schwacher Trost. Die Füße schmerzten und es gab Abschürfungen. Wir beschlossen, die Schuhe umgehend umzutauschen. Mir fiel ein Stein vom Herzen. In der Sportabteilung bei Karstadt erfuhren wir, dass das Kaufhaus in wenigen Minuten schließen würde. Ein freundlicher Verkäufer meinte, dass er diese Schuhe nicht mehr in einer Nummer größer vorrätig hatte. Er untersuchte die Position meiner Zehen in den Schuhen und fand, dass sie den richtigen Abstand zur Vorderkante der Schuhe hatten. Also müßten sie passen und er ermunterte mich, den Schuhen vor der Rückgabe noch eine Chance zu geben. Ich sollte mit ihnen in der Wohnung umherzulaufen, um die Füße an die ungewohnte Bekleidung zu gewöhnen. Meine Zuversicht sank; beim nächsten Anziehen der Schuhe würden die Füße wieder schmerzen. Ich tröstete mich mit der Aussicht auf die dazwischenliegende wanderschuhfreie Zeit.

Das nächste Wochenende kam. Ich hatte die Schuhe bis dahin kein einziges mal getragen und eine ausgiebige Wanderung stand auf dem Programm. Die Wetterbedingungen waren miserabel. Die winterlichen Wege waren vereist. Es taute, der Schnee war matschig und überall waren Pfützen. Mein Freund und ich griffen zu den unseren Wanderschuhen. Bei den vorherrschenden Bedingungen auf den Straßen und Wegen um den Plötzensee begegnete uns kaum jemand. Diesmal, so kam es mir vor, schmerzten die Füße und Fesseln schon nach wenigen Metern. Ich konnte natürlich nicht gleich losjammern und biss die Zähne zusammen. Am Ende der Wanderung waren die Schmerzen kaum noch auszuhalten. Es half nichts; diese Schuhe waren nicht die richtigen! Wir unterzogen sie einer sorgfältigen Reinigung. Mehrmals wurden die Sohlen unter fließendem Wasser mit einer Zahnbürste penibel von jedem Schmutzteilchen befreit. Anschließend sahen sie aus wie neu. Ich mußte einräumen, das Material war gut und hatte eine Wanderung durch den schmelzenden Schnee um einen See ohne Makel und eindringendes Wasser überstanden. Die Füße waren trocken und warm geblieben. Die Wanderschuhe legten wir fachgerecht wieder in den Originalkarton und zogen los, um sie zurückzugeben.

Diesmal kamen wir eine halbe Stunde vor Ladenschluss und gerieten an einen anderen freundlichen Karstadtverkäufer. Ich legte ihm den Schuhkarton auf den Tisch und teilte ihm mein Anliegen mit. Mit kritischem Blick holte er die Schuhe raus, beäugte sie gründlich und sagte, dass sie schon getragen wurden. In meinen Augen waren die Schuhe makellos. Er schüttelte verdrossen den Kopf und erklärte, dass unter diesen Umständen eine Rückgabe oder ein Umtausch üblicherweise ausgeschlossen sei. Nun ja, eine Woche zuvor hatte uns sein Kollege dazu geraten, die Schuhe nochmal auszuprobieren, bevor wir sie zurückgeben. Wir guckten unglücklich. Der Verkäufer erklärte draufhin, dass er diese Schuhe aus Kulanzgründen zurückzunehmen würde und hielt uns einen aufgeregten Fachvortrag über die Wahl von Wanderschuhen. So erfuhren wir, dass sie keine Schuhe sondern Sportgeräte seien. Er fragte mich, welche Socken ich in den Wanderschuhen getragen hatte. Die hatte ich dabei und zog sie aus meiner Handtasche. Der nette Verkäufer schaute fassunglos darauf und erklärte mir: „Sie haben alles falsch gemacht, was man sich nur denken kann.“

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Meine Wandersocken

Neben ihm stand eine kleine, ca. 1,2 Meter kurze Holzbrücke, die gut in einen japanischen Garten gepaßt hätte. Er wies darauf und teilte uns mit, dass Wanderschuhe unbedingt darauf zu erproben sein. Ich tauschte einen Seitenblick mit meinem Freund. War das ernst gemeint? Ihr werdet sicher schon wissen, wie es weiterging. Aus der Rückgabe wurde ein Umtausch.

Der Verkäufer gab nicht auf. Sein Blick wurde mitleidig und er schleppte andere Wanderschuhe an. Er zog mir sogar eine Wandersocke an. Wie froh war ich, dass ich neue Socken mit intakter Zehenregion trug. Dann probierte ich das erste Paar Schuhe. Er schnürte mir die Schuhe ganz fest zu und führte mich zu seiner Minibrücke, der sogenannten Laufstrecke! Mißtrauisch stellte ich mich drauf und trat aus gutem Willen ein wenig auf der Stelle und probierte den Stand auf den Schrägen. Der ‚Gipfel‘ dieser Brücke, der mit einem Schritt zu erreichen war, bestand tatsächlich aus einem ca. 40x40cm messenden Becken, in dem lose runde Steine lagen, die sich in Blumentöpfen gut ausmachen würden. Angeblich halten sich einige Kunden länger als drei Stunden in der Wanderschuhecke auf und probieren einen Schuh nach dem anderen. Als er mein ungläubiges Gesicht sah, erfuhr ich als nächstes, dass ein Wanderschuh, der nicht drückt, kein gutes Sportgerät sei. Mein Freund zeigte ihm meine leichten Stiefelletten, meine übliche Fußbekleidung für kältere Temperaturen und Gelände jeder Art. Damit stiefele ich, falls es sein muss, auch im Wald auf nassen, schlammigen Wegen umher, sagte ich. Der Verkäufer guckte regungslos. Mein Freund schwieg im Hintergrund. Da ich erneut über schmerzende Waden klagte, holte er Wanderhalbschuhe ohne Schaft, die er nur ungern präsentierte, weil wir inzwischen auch gerissene Sehnen bei umgeknickten Füßen im rauhen Gelände thematisiert hatten. Mir entfuhr die Bemerkung, dass die Halbschuhe auch nicht geeigneter sein könnten, als meine Stiefelletten. Der Verkäufer rang sichtlich um Fassung. Er hielt dagegen, dass eine feste Vibramsohle etwas völlig anderes sei, als die dünnen, fast profillosen Plastiksohlen der Stiefelletten. Er demonstrierte eindrucksvoll, dass die feste Sohle des Wanderschuhs auch dann noch trägt, wenn der Weg schmaler ist als die Sohle. Gut, dass er nicht zugegen war, als ich vor einigen Monaten mit leichtem Schuhwerk über ein 2,5 Meter hohes Tor geklettert war und bei jedem Schritt nur wenige Zentimeter Auflage zur Verfügung hatte. Dennoch wußte ich seinen Einwand zu schätzen und beschloß, die von ihm angedeuteten Wege immer zu meiden.

Der Verkäufer holte weitere Wanderschuhe, die ich anprobieren sollte. Früher hatten die Menschen nur Lappen um ihre Füße, ging es mir durch den Kopf. Trug nicht der Gletscher-Ötzi vor 5000 Jahren in den verschneiten Alpen mit Heu gefüttertes ‚Schuhwerk‘ mit einer dünnen Sohle aus Bärenleder? Jetzt hatte ich das zweite Paar an meinen zarten Füßen und beide Männer schauten mir zu. Es war klar, was sie dachten: Sie muss sich jetzt entscheiden. Was sollte ich tun? Ich wußte es nicht und hatte gar keine Meinung. Es war kurz vor Ladenschluß. Die Stimme aus dem Mikrophon drängte schon zum Verlassen des Kaufhauses. Spontan entschied ich mich die hellbraunen Wanderschuhe aus Leder. Der Verkäufer begleitete uns zur Kasse und wir bedankten uns für seine Geduld, die er wahrlich erwiesen hatte.


Und so sieht das aus: Schwere Botten neben Stadtschuhen.

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Wanderschuhe neben Stiefelletten

Jetzt laufe ich die ‚Sportgeräte‘ zuhause ein. Mal sehen, ob wir uns aneinander gewöhnen.

Eine Antwort auf Die Wanderschuhe

  • Bertha Kofferschläger

    Lieber Autor, herzlichen Dank für diesen lustigen und lebendigen Beitrag. Ich konnte mich vor Lachen kaum auf meinem Stuhl halten. Die Schuhgstory könnte aus meinem Leben sein. Ich freue mich auf weitere humorvolle Geschichten des Lebens.

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