‚Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog‘ von Christopher Clark

Ich lese gerade das Buch ‚Die Schlafwandler – Wie Europa in den Ersten Weltkrieg zog‘ des Historikers Christopher Clarks über die Ereignisse, die zum ersten Weltkrieg führten. Italiens Überfall Libyens im Jahr 2012, die Interessen Österreich-Ungarns auf dem Balkan, die Interessen der Russen an einem Seeweg zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer, die kolonialen Ansprüche der Franzosen und Engländer, die Territorialen Ansprüche der Serben und Rumänen sowie Verteidigungsbündnisse und steigende Ansprüche Deutschlands, mit am Tisch sitzen zu dürfen, auf dem der Kuchen verteilt wird.

Pioniere im 1. Weltkrieg beim Bau einer provisorischen Brücke. Fotoarchiv Gade

Osmanisches Reich wird zerlegt

Was für ein Wirrwarr. Im Grunde ging es um das Zerlegen des Osmanischen Reiches, eines riesigen Staates unter türkischer Herrschaft vom Balkan bis Nordafrika. Der Zerfall des osmanischen Reiches führte zu verschiedenen Staatenbildungen, auch während des Zweiten Weltkriegs und in der Zeit danach. Aber die Lässigkeit und Entschlossenheit ist heftig, mit der die Italiener Libyen angriffen, um dort einen jahrzehntelangen Krieg zu führen und die Balkankriege unter Einfluss Russlands und europäischer Länder mit Krediten und Auflagen zum Kauf von Waffen aus den kreditgebenden Ländern.

Zudem passte es den Engländern und Franzosen nicht, das Deutschland während des 19. Jahrhunderts  aus verschiedenen Kleinstaaten gebildet wurde und aufgrund seiner Größe ein anderes Standing hatte. Deutschland wurde von Frankreich und England als unliebsame und zu bekämpfende Konkurrenz im kolonialen Geschacher und in der europäischen Machtverteilung empfunden, während auf der anderen Seite des Atlantiks die USA immer stärker wurden und den Spaniern Kolonien in der Karibik abnahmen. Im Pazifik eroberten die  USA die ehemaligen spanischen Kolonien Guam und die Philippinen.

Die Länder haben damals aufgerüstet bis zum Gehtnichtmehr mit teils dreijähriger Wehrpflicht. Militaristischen und Scharfmacher in bedeutenden Positionen ohne wirkliche Kontrolle durch Parlamente hielten den kriegerischen Konflikt für natürlich notwendig und dauerhaften Frieden für eine Utopie.

Romantische Verklärung des Krieges

Man solle nicht die poetischen und romantischen Aspekte eines Aufnehmens der Waffen unterschätzen, meinte ein Engländer, denn wer dies tue „lege einen geschwächten Geist und eine verarmte Phantasie an den Tag.“

Clark stellt zudem die Verwendung der Presse durch auswärtige Dienste und Regierungen zu Meinungsbildung und Stimmungsmache dar.

Beim Lesen dieses Buches fragt man sich, warum in Deutschland viele Menschen so sehr darauf bedacht sind, den Deutschen die Schuld am Ersten Weltkrieg zu geben. Dieser Flächenbrand entstand nicht aus dem Nichts, sondern war von verschiedenen Interessengruppen in mehreren Ländern gewünscht, auch wenn man hofft, dass die Initiatoren diese extreme Entwicklung nicht beabsichtigten.

Das scheint alles lange her zu sein, ist es aber nicht. Bei der Suche nach einer Lösung für die unkontrollierte Einwanderung über das Mittelmeer ist die Geschichte Italiens und Libyens heute ein großes Hindernis. Das Durcheinander und Gemetzel in den Nahoststaaten ist auf die damaligen Zeiten zurückzuführen.

Die Methoden sind immer noch die gleichen. Einflussnahme von Großmächten auf andere Länder, um Regierungen zu wechseln. Kredite für Waffenkäufe und eine damit verbundene Abhängigkeit. Das Schüren von kriegerischen Konflikten. Wahrscheinlich werden Historiker in 100 Jahren des 19., 20. und 21. Jahrhundert als eine zusammenhängende logische Folge von Ereignissen darstellen.

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