Berliner Mauer 1989

Es war eine Überraschung. Am 9.11.1989 wurden die Grenzübergänge zwischen der DDR und BRD geöffnet. Vor allem in Berlin bekamen die Menschen auf beiden Seiten schnell mit, dass der Eiserne Vorhang durchlässig geworden war. Viele unterbrachen beim Hören der Nachrichten spontan, was sie gerade taten und verließen unbehelligt ihre Arbeitsplätze. Spontan machten sie sich auf zum Brandenburger Tor und zum Checkpoint Charlie.

Die Ossis strömten gen Westen. Taxifahrer nahmen sie kostenlos mit. Auf einmal fuhren Trabbis auf dem Kurfürstendamm und die Menschen lagen sich in den Armen. Sie konnten gar nicht fassen, dass ein Zustand, der als unüberwindlich galt, mit einem Mal wie weggeblasen war. In der Kälte trugen die DDR-Grenzposten (GREPO) Pelzmütze. Sie beobachteten das Treiben und waren genauso überrascht über die Entwicklung, wie die Grenzgänger von Ost nach West oder umgekehrt. So ganz traute niemand dem Braten. War das eine kurzfristige Aktion? Kurz nachdem sich die Nachricht über den Rundfunk verbreitet hatte, strömten die Menschen zum Brandenburger Tor und krabbelten auf die Mauerkrone. Zu dem Zeitpunkt dämmerte es bereits und viele Plakate, auf denen diese Szene bei strahlend blauem Himmel zu sehen ist, wurden nicht am 9. November, sondern erst am Tag darauf gemacht. Das hat Poster- und Produzenten nicht davon abgehalten, ihre Werke auf den 9. November vorzudatieren.

Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor. 10. 11. 1989 - Foto: Thomas Gade

Berliner Mauer vor dem Brandenburger Tor. 10. 11. 1989 – Foto: Thomas Gade

Rasch wurde die Mauer als kommerzielles Objekt wahrgenommen. Niemand beanstandete das Auftauchen von zahlreichen Mauerspechten mit Hammer und Meißel, die Brocken aus den Mauersegmenten schlugen, vor allem solche, mit einem Stück bemalter Oberfläche, denn die Mauer war auf der Westseite ein viele Kilometer langes Gemälde. Künstler wie Thierry Noir und Christophe-Emmanuel Bouchet erlangten durch ihre wieder erkennbaren Malereien hohe Bekanntheitsgrade. Noir ist mit seinen naiv anmutenden abstrakten Figuren der bekannteste Mauermaler. An der East Side Gallery gibt es ein langes Mauerstück, auf dem seine Werke noch zu sehen sind. Die Potsdamer Platz Arkaden haben anlässlich einer Ausstellung zum 25 Stern Jahrestag der Maueröffnung ein Portal aus Mauersegmenten mit Noirs Bildern aufgestellt. Vermutlich hätte er mit diesen Bildern keine Aufnahmeprüfung zu einer akademischen Kunstausbildung bestanden. Doch war er zur richtigen Zeit am richtigen Ort. Sein Ruhm ist gesichert.

Der Mauerstreifen war praktisch rechtliches Niemandsland. Die Türken erkannten dies zuerst und stellten Tapeziertische auf, auf denen Mauerstücke zum Verkauf angeboten wurden. Ihr Sortiment wurde schnell durch DDR-Uniformteile, Formulare und östlichttp://www.oxly3.de/wp-admin/post-new.phphem Kitsch erweitert. Mit den Stempeln der ehemaligen Grenzposten wurden Geschäfte gemacht. Touristen konnten sich Einreisevisa ausstellen lassen. Vermutlich kamen rasch nachgedruckte Formulare in Umlauf. Wer hätte den Unterschied gemerkt? Kamen westliche Polizisten vorbei, zogen die Mauerhändler ihre Tische auf die Mauerstreifen oder Ostberliner Gebiet. Eine rechtliche Handhabe zur Kontrolle des Handels gab es nicht. Gewerbekarten waren unnötig, denn auf östlicher Seite kamen keine Polizisten vorbei. Jeder konnte machen was er wollte und rasch blühte der Handel mit östlichen Souvenirs.

Verkauf von Mauerstücken am Potsdamer Platz - Foto: Thomas Gade

Verkauf von Mauerstücken am Potsdamer Platz – Foto: Thomas Gade

Mauerstückchen und DDR Kitsch als Souvenirs - Foto: Thomas Gade

Mauerstückchen und DDR Kitsch als Souvenirs – Foto: Thomas Gade

Die Mauerspechte leisteten ganze Arbeit. Innerhalb weniger Wochen war die Berliner Mauer in den zentralen Bezirken angefressen wie ein altes zerbröseltes Brot. Löcher wurden durchgeschlagen und die offiziellen Abrissarbeiten mit Baumaschinen taten ein übriges. Viele Mauersegmente bekamen auf diversen Betriebsgelände neue Aufgaben. Sie bildeten ausgezeichnete Trennwände zwischen Schüttgut wie verschiedene Sand- und Kiesarten, die im Bau verwendet wurden. Privatleute beschafften sich welche, Museen, aber auch Regierungsstellen. Sogar ins Ausland wurden einige verkauft und verschenkt. Ein Jahr nach der Maueröffnung war nicht mehr viel von ihr zu sehen. Am Potsdamer Platz blieb ein Wachturm erhalten und lange Zeit stand eine Reihe Mauersegmente ungefähr dort, wo sich einst der Führerbunker befunden hatte. Auf der Brachfläche bis zum Einsetzen des Baubooms am Potsdamer Platz einige Jahre später, wurde den Berlinern als zusätzliche Attraktion ein Kran zum Bunjeespringen aufgebaut.

Viele Bilder dazu gibt es in unserem Fotoarchiv

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