Berliner Flughafenthriller – Wer hat den BER verbockt?

Vor wenigen Tagen statteten wir dem Flughafen Tegel vor seiner angekündigten Schließung einen Abschiedsbesuch ab. Doch seine Ablösung, der BER, war nicht betriebsbereit. Daher wurde alles abgeblasen. Blicken wir zurück:

Flughafen Tegel bald dicht
(April 2012)

Wir möchten auf die Besucherterrasse, um den Flugverkehr zu beobachten. Der Mann an der Personenkontrolle guckt niedergeschlagen. „Am 2. Juni fliegt die letzte Maschine ab und dann ist hier dicht.“, beantwortet er unsere Frage nach der Stilllegung der Berliner Flughafens Tegel.
„Und was passiert dann mit Ihnen?“
Er zuckte mit den Achseln.
„Unsere Firma hat keinen Zuschlag bekommen. Vielleicht werden wir von einer anderen übernommen. Die Gehälter wären viel niedriger. Noch ist nichts raus.“
Wie alt mag er sein, Mitte Fünfzig? Ein Blick in seine Augen läßt ahnen, welche Perspektive er für sich sieht.
„Dort schaffen sie 40.000 Arbeitsplätze.“, meint er, „Aber hier fallen 15.000 weg. Davon spricht keiner.“
So viele? Kaum vorstellbar für Außenstehende. Oben auf dem Dach gibt es einen Rundweg. Von dort ist der Flugbetrieb gut zu beobachten. Eine Gruppe ‚Planespotter‘ lungert mit ihren Kameras rum. Noch gibt es hier die Möglichkeit interessante Flugzeuge mit langen Teleobjektiven ‚abzuschießen‘. Einige der Leute haben Listen mit Start- und Landezeiten in der Hand.

Im offenen Innenbereich des Flughafengebäudes tummeln sich Taxis neben den Werbesäulen von Sixt und mittendrin, ganz groß, ist eine gewaltige Plakatinstallation mit einer unmißverständlichen Botschaft: Tegel wird am 2. 6. 2012 geschlossen!

Danke Tegel

Danke Tegel

In dicken Lettern steht darauf: „Danke, Tegel.“ Müßte es nicht heißen, „Tegel dankt. Spandau dankt. Pankow dankt.“? Endlich kein Fluglärm mehr und keine Treibstoffabgase. Es folgt der Text: „Am 2. Juni 2012 schließt der Flughafen Tegel. Ab dem 3. Juni 2012 gibt es nur noch einen Flughafen: den Flughafen Berlin Brandenburg. …“ Auf weiteren Plakaten sind Collagen mit Willy Brandt und modernen Reisenden zu sehen. „Willy Brandt begrüßt die Welt. Der Flughafen Berlin Brandenburg Willy Brandt eröffnet am 3. Juni 2012.“ Der ehemalige Kanzler in Schwarzweiss, die anderen in Farbe.

Ab dem 3. Juni 2012 gibt es nur noch einen Flughafen ...

Ab dem 3. Juni 2012 gibt es nur noch einen Flughafen …

Den Angestellten am Flughafen Tegel, die an dem Tag ihren langjährigen Job verlieren, sowie den Südberlinern in banger Erwartung des zunehmenden Fluglärm muss das zynisch erscheinen. Der Flughafen Berlin Tegel trug den Zusatz ‚Otto Lilienthal‘, den Namen eines Flugpioniers. Was, bitte schön, hat die Planer dazu veranlaßt, den neuen Flughafen namentlich mit Willy Brandt zu verbinden?

Der Flugverkehr findet wie immer statt. Flugzeuge starten und landen. Es stinkt nach Kerosin, Die warmlaufenden Turbinen sind laut. Unten schieben starke gedrungene Fahrzeuge die Flugzeuge in Position. Dazwischen sind Tank- und andere Betriebsfahrzeuge unterwegs. Noch dreht die Radaranlage auf dem Dach des Towers. Auf der anderen Seite des Geländes befindet sich der Flugplatz der Regierung. Kleine Maschinen starten auf der hinteren Bahn. Mit dem Teleobjektiv ist ein großer Militärlaster mit einem Geschütz auf einem Anhänger auf diesem anderen, der Öffentlichkeit nicht zugänglichem Teil des Flugplatzes Tegel, der auch nach dem 2. Juni noch in Betrieb sein wird, zu beobachten.Flughafen Tegel bald dicht

Die Airport Eröffnung wird verschoben!
(11. 5. 2012)

Soweit der Artikel aus dem vergangenen Monat. Gestern erfuhren wir, dass alles heiße Luft war. Die Eröffnung des neuen Flughafens ist geplatzt! Kaum zu fassen; angeblich war die Brandschutzanlage nicht fertig.

Zwei Mitglieder des Aufsichtsrates der Flughafengesellschaft, der Berliner Bürgermeister Klaus Wowereit und der Brandenburgische Ministerpräsident, Matthias Platzeck, beide SPD, teilten der erstaunten Öffentlichkeit mit, dass der Termin vom 3.6.2012 auf unbestimmte Zeit verschoben wurde.

Wowereit:  „… uns bitte abnehmen, dass wir tatsächlich den Termin aus vollster Überzeugung vertreten haben“. Kann sein, aber mit  Sicherheit nicht bis zum 10. 5. 2012. Der Berliner Bürgermeister ist zugleich der Aufsichtsratsvorsitzende der Flughafengesellschaft. Und in den beiden Funktionen soll er nicht mitbekommen haben, dass der Eröffnungstermin nicht zu halten war?

Herr Mehdorn, Chef von Air-Berlin möchte das jetzige Chaos nutzen, um das Nachtflugverbot am Flughafen Tegel einzuschränken. Lange genug haben die nahe der Flugstrecken lebenden Bewohner von Reinickendorf, Spandau und Pankow den Lärm ertragen müssen. Ihnen wurde ein Ende dieser Situation verbindlich zum 3. 6. 2012 angekündigt, zumindest aus dem Fracht- und Passagierverkehr. Die Regierung wollte ihren Flugbetrieb  ’später‘ verlegen. Endlich kein Fluglärm mehr am Kurt-Schumacher Platz, wo viele Leute leben, die seit langem auf die Schließung des Flughafens Tegel warten. Die Verantwortlichen der Flughafengesellschaft haben die Eröffnung nun zum zweitenmal verschoben. Wer mag ihnen noch Glauben schenken?

Dieses Ereignis zeigt erneut, wie sehr die Interessen der Bürger in dem Geschachere um den Flugplatz außer Acht gelassen werden. Die Grundidee, die Flughäfen Tempelhof, Tegel und Schönefeld zu schließen, war gut. Tempelhof und Tegel liegen in dichtbewohnten innerstädtischen Gebieten. Ihr Lage war ein Tribut an den kalten Krieg, der die Stadt teilte, was mittlerweile 22 Jahre zurück liegt.  Längst hätte der Flugverkehr auch in Tegel beendet sein müssen, doch der Standort war nicht klein zu kriegen. Alternativ sollte ein abseits gelegener Großflughafen mit High-Speedverbindung in die City zustande kommen. Der tatsächlich gewählte Standort führte zu heftigen Protesten aus den angrenzenden bewohnten Gebieten. Weiträumig sollten viele Menschen von der Verlagerung und Konzentration des Fluglärms südlich von Berlin betroffen sein. Es stellte sich heraus, dass den Bürgern falsche Informationen über die Lärmbelastung mitgeteilt wurden, die in Wahrheit bedeutend höher wäre.

———–

Peinliche Panne

Nachtrag vom 17. 5. 2012

„Eröffnung des BER am 17. März 2012“, verkündetet die offizielle Website der Flughafengesellschaft. (www.berlin-airport.de) Nach der peinlichen Verschiebung der Inbetriebnahme des BER vom 3. 6. 2012 auf den 17. 3. 2013 wollten die Verantwortlichen sie nun in die Vergangenheit verlegen. Respekt! Leider klappte es nicht. Woran das wohl lag?

Falscher Termin

Falscher Termin!

———-
Unser Video: 23. 4. 2012. Startende und landende Flugzeuge – Flughafen Tegel

Flughafen Tegel bald dicht

10 Antworten auf Berliner Flughafenthriller – Wer hat den BER verbockt?

  • Suse

    Absolut oberpeinlich das Ganze. Bislang habe ich Wowi immer die Stange gehalten, versteht das nicht zweideutig, ich bin vom falschen Geschlecht. Das war politisch gemeint. Den Berliner Schlendrian zu leiten, ist bestimmt nicht leicht. Aber was er sich hier geleistet hat, ist wahrlich ein Grund für einen demütigen Rücktritt. Seine geheimen Kanzlerambitionen kann er damit begraben, auch wenn das Amt eine besondere Fähigkeit zur flexiblen Tatsachenbeschreibung erfordert, wie uns die Kanzlerin A. Merkel wiederholt lehrte. Dummerweise darf man dieses Talent nicht vor der Wahl ans Licht lassen, sonst gilt man als unzuverlässig.

  • Ole Kehren

    Die Realität hat gezeigt was die Macher taugen. Wenig, offenbar. Man will die liebgewonnene lukurative Baustelle nicht aufgeben. Also muss Tegel herhalten. Die Bürger werden gar nicht erst gefragt. So viele Jahre hat man in den bereits genannten Bezirken den Fluglärm ertragen, dann darf das ruhig noch länger so gehen. Deswegen wird es keine Entschädigung geben, sollte es aber.
    Wie mag Tegel einfach so weiter betrieben werden? Viele der dort arbeitenden Mitarbeiter sind bereits zum 3. 6. 2012 entlassen worden und werden ihre Pläne für die Zeit danach geschmiedet haben. Die anderen Leute vom BER Willy Brandt können Tegel gar nicht managen. Werden die Verträge der alten und nicht vom BER übernommenen Mitarbeiter verlängert, entstehen durch bereits im letzten Jahr stattgefundene Verschiebung Kettenverträge mit den Mitarbeitern, die teuer werden, weil dadurch Kündigungen unwirksam sein können. Ob die Herren Platzeck und Wowereit das wissen? Die Insolvenz vieler Unternehmen zur ‚Klärung‘ der Lage ist vorprogrammiert. Wer zahlt die Zeche? Sicherlich nicht der inkompetente Aufsichtsrat nebst dem Spitzenmanagement der Flughafengesellschaft.

  • Mausi

    Wovon träumt ihr des Nachts? Keiner der obersten Verantwortlichen wird zurücktreten. Die bleiben und machen was sie wollen. Ihnen kann doch keiner was. Unsere Demokratie ist zu einer Politik ohne echte Verantwortung geworden. Ob Banker oder Politiker. Du kannst noch so viel Sch.. bauen, die Chause geht weiter.

  • Berlinerin

    Hallo Leute,
    die Politposse geht weiter…
    Jetzt wird bekannt, daß der Berliner Großflughafen erst zu 52% fertiggestellt ist. Eine Eröffnung rückt in weite „Ferne“. Soweit, wie die angeflogenden Langstreckenziele des künftigen Flughafens.
    Ich werde das verrückte Schauspiel amüsant weiterverfolgen.
    Verlebt noch einen schönen Sonntag.

  • Airport TXL

    Man glaub es kaum, Wowie kündigt ein personelles Nachspiel an. Ob er damit seinen Rücktritt mein? Wohl kaum, da wird der Herr Bürgermeister ein anderes Opfer finden.

  • Bärlinär

    „Ich mache was ich will, ich sage, was ich will, und das ist gut so.“, könnte der aktuelle Slogan von Klaus Wowereit lauten. Es wäre schlimm, wenn Platzeck und Wowereit bei dieser Sache ungeschoren davonkommen. In den kommenden Monaten werden wir von Insolvenzen und anderen traurigen Dingen bei Unternehmen, die an den Flughäfen arbeiten, hören. Bis die ihren Schadensersatzt, so sie ihn erhalten, erstritten haben, wird viel Zeit vergehen. Politische Zuverlässigkeit sieht anders aus.

  • Björn

    Die Drahtzieher dieses Versagens werden ungeschoren davonkommen. Wen wundert die zunehmende Politikverdrossenheit angesichts solcher Vorfälle. Dieses Land hat bessere Politiker verdient und nötig.

  • shelly

    So langsam wird man des wütenden Staunens müde…all unsere Entrüstung verläuft im Sande, solange die politischen Mehrheitsverhältnisse solches Versagen decken.
    Hat das nicht vor Jahrzehnten mit Bürgermeister Diepgen schon angefangen?
    Wenn das Land/die Stadt/die Provinz, wie Björn weiter oben schreibt, bessere Politiker verdient hat, dann sollte es diese auch wählen, oder.
    Sonst wird das eine Never-Ending-Story…

  • xrider

    Bessere Politiker … Woher sollen die kommen? Ich sehe keine. Kommt mir jetzt nicht mit den Piraten. Die mischen ein bischen auf, knabbern am Urheberrecht und hätten gerne das bedingungslose Grundeinkommen, mehr aber nicht. Die Frage ist ohnehin, ob diese Schlampereien nicht gewollt sind. Immerhin spülen sie Geld in die Kassen der Akteure. Eine Nachfrage entsteht nur durch Bedarf, sei er real oder künstlich. Irgendwohin müssen die Steuermittel, die zusätzlich ausgegeben werden fließen. Es wird sich doch niemand so einen schönen Geldhahn zudrehen. Vorschlag: Wählt mich!

  • shelly

    der vergleich mit dem bestellten Eis und Schnitzel ist zwar witzig, aber er hinkt natürlich. Denn wir sind als Bürger keine kleinkinder, die nach eis und schnitzel sabbern, sondern mündige bürger. wir haben schließlich diesen flughafen nicht wirklich bestellt, sondern sind indirekt durch die bevölkerungszunahme und die gestiegenen flug-und verkehrszahlen gleichzeitig die verursacher und die zahlenden. platzeck und wowereit sowie die übrigen aufsichtsratmitglieder sind keine dienstleister in sachen kiosk, sondern die überwachung des bauprojekts gehört zu ihren aufgaben, ist also eine von vielen verantwortlichkeiten, die sie schultern. dass sie mit der aufgabe überfordert waren, haben sie selber mit als letzte gemerkt. und jetzt möchten sie natürlich ohne pauschalverurteilung oder federn und teeren aus der geschichte rauskommen. der volkszorn entlädt sich teilweise unreflektiert und reflexhaft, folgt niederen instinkten und trieben der aggressionsabfuhr. das ist natürlich unangenehm für die betroffenen, gehört aber auch – um es ganz deutlich zu sagen – zum berufsrisiko. dafür werden sie unter anderem bezahlt. pech für alle…that´s life

Schreibe einen Kommentar