Auf dem Jakobsweg

Im April 2009 pilgert der Berliner Sven Roewer auf dem Jakobsweg durch Spanien. Zu diesem Vorhaben bewegt ihn vor allem seine Reiselust nebst der körperlichen Herausforderung und die Suche nach spirituellen Erlebnissen. Religiöse Gläubigkeit spielt keine Rolle und doch wird die Reise zu einer intensiven Begegnung mit den kirchlichen Wurzeln der eigenen Kultur. Die Reise beginnt in Pamplona und soll im Wallfahrtsort Santiago de Compostela enden. Die Aufregung ist groß. Er weiß nicht, was ihn unterwegs erwartet. Die Wanderschuhe sind längst am Heimatort eingelaufen. Einige Probewanderungen hat er erfolgreich absolviert, um sich vorzubreiten. Täglich will er die Leser dieses Blog über den Verlauf seiner Reise informieren.

Pilger Sven Roewer

Pilger Sven Roewer

31. 3. 2009. Die Reise hat endlich begonnen. Start und Flug verliefen ohne Probleme. Meine Flugangst hielt sich in Grenzen. Ich habe schon ein paar andere Pilger in Bilbao getroffen. Die Obstbäume blühen hier schon und teilweise liegt noch Schnee in den Bergen. In Pamplona bekam ich den ersten Stempel in meinen Pilgerpaß. Die Herberge ist Multikulti und sehr voll, da noch nicht alle Unterkünfte geöffnet sind.

Cizar Menor bis Puente La Reine
1. 4. 2009

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Wegweiser nach Santiago

Habe heute die Möglichkeit zu mailen. Nach erster guter Nacht bin ich um sechs Uhr aufgestanden. Frühstück gab es im Schnelldurchlauf. Dabei war zu beobachten, wie Mr. u Mrs. Woon aus Südkorea laut stöhnend Stretchübungen machten. Der australische Mitpilgerer verwechselte glatt die Dusche mit dem Klo. Dabei gehört Australien gar nicht zur dritten Welt. Die Wegstrecke verlief heute von Cizar Menor nach Puente La Reine: 24 Kilometer. Es ging gleich steil bergauf zur Passhoehe Puerto del Perdon. Unterwegs kamen wir am Gedenkkreuz fuer Koks Franseus aus Belgien vorbei, der hier gestorben ist. Das war schon ein komischer Moment und wir verweilten dort einige Minuten. Der Wind war kalt und der Himmel bewölkt aber die phantastische Landschaft entschädigte uns für diese Umstände. Der Abstieg über Geröllwege war sehr rutschig aber mit gutem Schuhwerk zu bewältigen. Es ging weiter an der Kirche von Eunate vorbei nach Puente la Reina. Die Störche sind schon da aber Schmetterlinge habe ich keine gesehen. Es ist wohl noch zu kalt. Die Herberge ist sehr voll und bei der Bettwäsche darf man nicht so genau hinsehen. Hauptsache ein Bett. Morgen geht es weiter nach Villa Mayor.

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Der Hund begleitet den Pilger.

Nach Villa Mayor de Monjardin
2. 4. 2009

Start war heute um 08.30 Uhr und wir landeten völlig kaputt erst um 16.30 Uhr in Villa Mayor de Monjardin. Das Wetter war sonnig und die Temperatur lag bei 16 Grad Celcius. Heute hatten wir über 15 Kilometer einen tierischen Pilger als Begleiter. Obwohl wir ihm nichts zu fressen gaben, blieb er treu an unserer Seite. Er wartete sogar 45 Minuten vor einem Cafe auf uns. Oh Schreck, in Estella wurde der Hund fast überfahren und so mußten wir ihn schweren Herzens bei der dortigen Polizei abgeben. Seine Augen waren ganz traurig – und wir auch! Die heutige Etappe über 35 Kilometer brachte mich an meine körperliche Grenze.

Kommentare: 4.4.2009 von Werner Hermann „Hallo, ich wünsch dir viel Glück und Zufriedenheit auf deinem Weg. Ich gehe auch Anfang Mai von St.Saint-Jean-Pied-De-Port nach Santiago de Compostela. Wie ist es unterwegs, kann man da einen Blog pflegen ? Gruß Werner / Oxly: „Hallo Werner, das Oxly-Team unterstützt Sven Roewer beim Bloggen. Wir erhalten täglich ein Bild per Handy und einen Text im Telegrammstil. Daraus entstehen die Beiträge. Unterwegs kann man manchmal einen Internetzugang nutzen. Wenn du andere während deiner Reise auf dem Laufenden halten willst und es nicht alleine schaffst, gib uns ein Zeichen.“

Viana
3. 4. 2009

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Unterwegs …

Heute ging es über 30 Kilometer nach Viana. Das Wetter war sonnig bei ca 18 Grad und die Strecke war ohne grosse Anstiege. Der Blick konnte über kleine Hügelketten bis zum Horizont schweifen, ähnlich wie in amerikanischen Filmen. Unterwegs trafen ich immer wieder die gleichen Leute mit denen ich in Pamplona zusammentraf. Daraus entwickeln sich dann kurze Gespräche.

Gestern gab es noch eine kleine Episode! Wir saßen schon auf der Terrasse in unserer Herberge, die von holländischen Freiwilligen geführt wird und genossen den Abend als ein Pilger aus Kanada, den wir unterwegs überholt hatten, vorbeilief, weil er die Herberge nicht gesehen hatte. Ich bin dann hinter ihm her gelaufen, weil der nächste Ort 10 Kilometer weiter weg lag. Das hätte er nicht mehr geschafft, weil es schon spät war! Er freute sich riesig, dass ich mir die Mühe gemacht hatte, in meinen Latschen hinter ihm herzurennen und ihn zurückzuholen! Im Gespräch stellte sich heraus, dass er Frank heisst und aus Toronto kommt. Er war bis vor einem halben Jahr IT-Manager in einem grossen Unternehmen. Dann kam die Finanzkrise und er wurde arbeitslos! Seine Eltern sind 1961 nach dem Mauerbau aus Ostberlin nach Kanada gezogen. Toller Typ, vielleicht sehe ich ihn ja in Santiago. Von der gestrigen Anstrengung habe ich mich gut erholt. Die Füße machen keine Probleme. Des Nachts findet in den Herbergen ein munteres Wettschnarchen statt.

Navarete
4. 4. 2009

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Trine aus Kopenhagen

Die heutige Etappe war 21 Kilometer lang und führte nach Navarette. Erst regnete es. Später schien die Sonne in Logrono über dem Rio Ebro. Auf den Dächern der Stadt gibt es viele Störche. Unterwegs holte ich Trine aus Kopenhagen ein und bin ein Stück mit ihr zusammen gelaufen. Dabei haben wir über die Olsenbande gefachsimpelt. Sie zog weiter Ventosa. Abends in der Herberge lud Juan aus Spanien zum Spaghettiessen ein. Ich steuerte den Salat bei.

Kommentar (5. 4. 2009) von Carmen Torres: „Hi Sven, ich freue mich täglich über deinen Bericht. Es muss recht spannend sein, jeden Tag neue nette Menschen kennenzulernen. Halte durch! Carmencita“

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Waschtag auf der Pilgerreise

Azofra
5. 4. 2009

Unser heutiger Weg ging ueber 22 Kilometer bis Azofra! Hier entdeckten wir, was wir uns schon seit einigen Tagen wünschten, eine Herberge mit Zweibettzimmern. Wir zogen freudig in unser Luxusquartier und genießen den Komfort. Wir wuschen unserer schmutzige Wäsche und erhoffen uns eine ruhigere Nacht! Die französischen Mitpilgerer machen aus der Wanderstrecke einen Wettstreit: Morgens um fünf aufstehen und los. Hauptsache man ist erster am nächsten Übernachtungsort. Heute war es nach dem Losgehen noch bewölkt, später kam dann aber die Sonne heraus und es wurden bestimmt über 20 Grad. Der Vorteil war natürlich dann auch, daß die Wäsche schnell trocknete. Ich wundere mich oft, mit welch einfachem Schuhwerk manche Pilger durch die Gegend humpeln – Ballettschuhe wären ein guter Vergleich. Die Landschaft ist traumhaft schön, ein endloser Blick von dem Hochplateau auf die Schneeberge. Der Weg führte heute vorbei an uralten Olivenhainen.

Bis jetzt haben wir zweimal in einer spanischen Wirtschaft gespeist. Eine Einladung zum Essen haben wir auch schon wahrgenommen. Heute haben wir selber gekocht, es gab Spaghetti mit Tomatensauce. Manchmal wird eine große „Kochorgie“ veranstaltet, jeder Pilger steuert etwas bei. Wir Berliner Pilger bereiteten einen leckeren Salat.

Belorado
6.4. 2009

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Wanderschuh

Um fünf Uhr am Nachmittag erreichten wir nach 39 Kilometer Fußweg Belorado! Kurz nach dem Aufbruch stießen wir auf das Pilgerpaar aus Südkorea, wir hatten sie in Puente la Reina getroffen. Beide, 66 Jahre alt, gingen mit weit ausholenden Schritten singend die Hügel hinab. Die Route führte uns nach Santo Domingo, wo wir hofften, den Hahn in der Kirche krähen zu hören, woraus nichts wurde, da Bauarbeiten durchgeführt wurden. Stattdessen setzten wir uns in ein Cafe und tranken zwei Milchkaffee mit dem dazu gehörigen Gebäck, welches in Spanien nicht so süß ist wie bei uns! Schmeckt auch einfach besser! So gingen wir denn gestärkt weiter in Richtung Redecilla del Camino, wo wir eigentlich übernachten wollten, aber in der dortigen Herberge wurde ordentlich die Kettensäge geschwungen, so das der Lärm nicht zu ertragen war. Also acht Kilometer weiter nach Belorado. Die Herberge hier ist sehr gut. Männlein und Weiblein sind in den Sanitärräumen getrennt, was sonst nicht selbstverständlich ist. Beim dreigängigen Pilgermenü gab es auch ein Hähnchen doppelt so groß wie ein Kücken. Na, Mahlzeit! Heute war auch eine Premiere, ich lief mir meine erste Blase und bin jetzt somit in den Orden der echten Pilger aufgenommen. Ein Teil der heutigen Strecke verlief zum Teil kilometerlang parallel zur stark befahrenen Strasse 120, die wir mehrmals im Spurt überqueren mussten. Der erste kurze Regenschauer erwischte uns auch, ansonsten hatten wir aber fast nur Sonnenschein bei 16-20 Grad. Verschwinde jetzt in meinem Bett, da morgen ein längerer Aufstieg von 700 auf 1200m wartet.

Belorado nach Atapuerca
7. 4. 2009

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Störche auf der Kirche

Heute ging es von Belorado nach Atapuerca. Die Strecke war 30 Kilometer lang. Nachts hatte es geregnet. Die Lehmwege waren total aufgeweicht und rutschig. Morgens gab es dünnen Kaffee. Unter diesen Umständen hatte ich schlechte Laune. Bei Villafranca de Oca herrschte gefährlicher LKW-Verkehr. Da galt es, die Nerven zu behalten. Der Aufstieg an den Montes de Ocas war steil und wegen der aufgeweichten, schlüpfrigen Wege schwierig. Den ganzen Tag wehte eisiger Wind bei Temperaturen um die 4° Celsius. Es gab einen Mix aus Wolken und Sonne. Oben folgte die Belohnung durch einen herrlichen Weitblick.

Angeblich wurde in Atapuerca, meinem heutigen Etappenziel, der erste Europäer entdeckt. Er lebte vor 400.000 Jahren. Im Herbergszimmer roch es so, als ob er dort gelagert wird, doch war dies nur ein anderer Pilger. Alles in allem war der heutige Tag sehr strapaziös.

Zwei Kommentare am 7. 4. 2009. Karin Wiedehöft: „Hi Sven, denk an Dein Ziel. Kopf hoch, Du schaffst es. Karin“
Sven: „Karin, danke für die Ermunterung! S.R.“

Atapuerca bis Burgos
8. 4. 2009

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Sven Roewer am Kreuz

Die letzte Nacht war, wie befürchtet, sehr unruhig. Der Kanadier Frank schmatzte und schniefte die halbe Nacht. Ein unangenehm riechender Pilger verbreitete penetrant seine ‚Duftwolke‘ und ging des Nachts mindestens fünf mal, dabei die Zimmertür laut zuknallend, aufs Klo. An Schlaf war über weite Strecken nicht zu denken. Drei bis vier Stunden Schlaf täglich sind für die langen Strecken eindeutig zu wenig und so kam der Entschluss, die heutige Nacht im Hotel zu verbringen. Das Problem bei den Herbergen ist, daß der Platz bis auf die letzte Ecke mit Doppelstockbetten vollgestopft ist. Man kann sich kaum drehen, geschweige denn den Rucksack abstellen. Dazu kommt in kleinen Zimmern der Geruch von Füßen und Heilsalbe. Trotzdem ist das Fazit bis jetzt eindeutig positiv. Es ist ein tolles Erlebnis, hier zu wandern und man trifft immer wieder auf interessante Menschen und Situationen.

Heute ging es über 20 Kilometer von Atapuerca nach Burgos. Beim Start um acht Uhr waren es ungefähr drei Grad minus und es hatte sich Reif auf den Dächern und Pflanzen abgesetzt. Später in Burgos waren es dann 12 Grad aber es wehte ein kalter Wind. Der heutige Weg war nicht sehr anstrengend. Kurz nach dem Start ging es bergauf, doch verlief die Strecke nicht so steil wie gestern. Auf dem Kamm angekommen, sahen wir in der Ferne unser heutiges Etappenziel Burgos. Von da an ging nur noch nach bergab und zwischendurch gab es auch noch Zeit für eine Kaffeepause. Mit der Überquerung der Montes de Oca passierten wir eine Wetterscheide. Es wurde deutlich kühler und wir sahen, im krassen Gegensatz zu vorher, nur noch zwei Störche bis Burgos.

Am Stadtrand von Burgos nahmen wir das erste Hotel. 22 Euro sind nicht zuviel für eine ruhige Nacht. Nach dem Duschen nahmen wir den Bus und unternahmen eine Stadtbesichtigung. Die gotische Kathedrale in Burgos wurde von 1221 bis 1567 etappenweise gebaut. Bis 1734 wurden Änderungen und Ergänzungen vorgenommen. Sie ist beeindruckend mit all ihrer Pracht, aber wenn man bedenkt, wie die Menschen für ihre Entstehung ausgepresst wurden, geht ein Teil des Glanzes verloren.

Was mich sehr beeindruckte, waren die zum Teil in Spurrinnen ausgelaufenen Wege, die wir in den letzten Tagen auf alten Römerstrassen oder Bergwegen gingen. Der Gedanke an die Millionen von Menschen, die im Laufe der Zeit aus unterschiedlichen Gründen hier entlang zogen, lässt einen schon ehrfürchtig erschauern.

Burgos nach Hornillos del Camino
9. 4. 2009

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Mahlzeit eines Pilgers

Letzte Nacht habe ich selig geschlafen. Andre, ein anderer Berliner Pilger, mit dem ich in den letzten Tagen zusammen gewandert bin, fliegt morgen zurück. Er begleitete mich noch ein Stück. In Spanien ist heute ein Feiertag. Daher fuhren in Burgos keine Busse und wir nahmen ein Taxi. Dann verabschiedeten wir uns herzlich voneinander. Jetzt geht jeder seinen eigenen Camino.

Heute pilgerte ich von Burgos nach Hornillos del Camino. Die Strecke betrug 21 Kilometer. In Tardajos machte ich eine verdiente Rast. Die Landschaft ist ähnlich wie in Mittelengland. Unterwegs habe ich in einer Bar einen Kaffee getrunken und dort meinen Wanderstock vergessen. Also gehe ich jetzt erstmal ohne einen.

Die Herberge in Hornillos del Camino ist wegen der Osterferien sehr voll. Ich lernte Marcel aus München kennen. Wir haben uns lange unterhalten. Er liest gerne die Prophezeihungen der Celestine. Vor dem Einschlafen trinke ich noch ein Einschlafbier in der Bar.

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