1990. Camping am Dreetzsee im Feldberger Seengebiet

1990 fiel die Grenze zwischen der ehemaligen DDR und der BRD. Für die neugierigen Westberliner begann eine spannende Zeit voller Entdeckungen. Man reiste in die ‚Zone‘ und fand Gebiete wie die Feldberger Seenlandschaft um Carwitz mit vielen Seen in einerschönen Landschaft. Auf dem Campingplatz Thomsdorf (C41), heute Camping am Dreetzsee, wurden die unverwüstlichen Angelkähne vom Typ ‚Anka‘ vermietet, mit denen lange Fahrten auf dem Dreetzsee bis um die Insel Bohnenwerder im Carwitzer See unternommen wurden.

Wohnwagen auf dem Campingplatz Thomsdorf am Dreetzsee

Die ‚einheimischen‘ Urlauber, oft Dauercamper oder zumindest dem Platz seit Jahren verbunden, waren seltsam entspannt. Ihre kleinen Kinder tummelten sich unbeaufsichtigt auf dem Bootssteg am Strand. Sie lernten früh schwimmen und Erwachsene, die in der Nähe waren, wurden von eilig angerannten, frierenden Kleinen mit bläulichen Lippen und Handtuch unbekümmert aufgefordert, sie abzutrocknen. Genauso schnell, wie sie kamen, waren die Wichte wieder verschwunden. Sobald ihre Körpertemperatur in der Sonne ein wenig zunahm, war ihre überschäumende Lust auf die Teilnahme am Treiben auf dem Steg und im Wasser übermächtig. Im Eiltempo wurde weiter gespielt.

Wohnwagen im Trabbiblau

Für Leser der westlichen Zeitschriften, in denen immer wieder von pädophilen Problemen und ihren juristischen Folgen die Rede war, und bereits der Verdacht auf falsche Neigungen zu nachhaltigen Problemen führte, war die Unbekümmertheit, mit der die Kleinen das ‚eigene‘ Campingplatzareal betraten und ungeniert in Augenschein nahmen oder mitessen wollten, verwirrend. Genauso überrascht reagierten ihre Eltern, wenn man sie darauf hinwies und fragte, ob das in Ordnung sei. Die mutmaßliche Problematik war ihnen fremd und es war selbstverständlich, dass man ein dahergelaufenes kleines, frierendes Kind abtrocknete und es die Welt entdecken ließ. Was sollte passieren?

Die mittelalterlichen Toiletten, so wollen wir die stechend riechenden Plumpsklos nennen, hätten Empfindliche zur Abreise veranlaßt. Hier war der Unterschied im Ost- und Weststandard erlebbar, aber auch begreifbar, dass es bei einem Campingurlaub an so einem schönen Ort nicht wirklich auf so ein Detail ankam. Duschen, es gab sie, aber wozu, wenn ein See mit kristallklarem Wasser vor einem lag, in dem jeder mehrmals täglich hineinging?

In dem langen Schuppen gab es einen improvisierten Ausschank. Das Wort Gastwirtschaft zur Bezeichnung dieses Ortes wäre maßlos deplatziert. Der mutmaßliche Tresen befand sich beim Sitzen auf hohen Barhocker in Schulterhöhe. Um die Neonröhre flatterten Motten. Das Bier war lächerlich billig und einige Besucher saßen in Trainingsanzügen herum. Beruf, Karriere und Herkunft interessierten niemanden. Die Kontaktaufnahme war unkompliziert. Es konnte schneller passieren, als man für möglich hielt, dass eine junge Dame einen in den Wohnwagen ihre Eltern abschleppte. Morgens klopfte der nachgereiste Vater vorsichtig an die Tür und wurde von der Tochter gebeten drei zusätzliche Brötchen mitzubringen. Dann verschwand sie fröhlich zur Morgentoilette und unversehens saß man mit ihrem Alten am Tisch und ließ sich Geschichten über den Selbstbau von Tauchequipment erzählen. Die gemeinsame Nacht eines Unbekannten mit seiner Tochter waren eher eine Referenz als ein Grund zu Aufregung, die hier fremd schien. Später zog jeder mit einem freundlichen Gefühl und bar jeder gegenseitigen Verpflichtung seiner Wege. Die Seen warteten. Die Tage wurden im Boot und im Wasser verbracht. Die Sonnenschutzmittelindustrie hatte einen schwachen Stand. Antisolan auf Basis eines Nussöl hatte, wenn überhaupt, einen verschwindend kleinen Lichtschutzfaktor. Nach ein paar Tagen war hier jeder braun gebrannt. Das Ozonloch und Hautkrebs waren Themen des Westens, die vor der Mauer Halt gemacht hatten.

Campingplatz am Dreetzsee

Die Angel war eine unvermeidliche Requisite. In jedem Boot wurde sie mitgeführt. Die Kinder bewiesen mit den von ihnen gefangenen Barschen, Schleien und Hechten, dass es nicht auf eine teure Angelausrüstung ankam. Ein paar Meter Angelschnur auf ein Stück Holz gewickelt mit einem Haken und einem Kügelchen zusammengepresstem Teig aus dem Inneren einer Schrippe, waren für die Schlei genauso verlockend wie eine Angelrute aus Kohlefaser mit einer feinmechanisch hochwertigen Spule.

Feldberger Seengebiet – viele Fotos und weitere Geschichten …

3 Antworten auf 1990. Camping am Dreetzsee im Feldberger Seengebiet

  • Marlies

    Schöne Erinnerungen kommen auf. Wir waren gerne dort im Urlaub und manchmal zieht es uns nochmal hin. Die alten Zeiten sind dort nicht ganz vergangen.

  • Butterblume

    Genial, genau so war es, da kommen alte Erinnerungen wieder zum Vorschein.
    Ich bin seitdem ich Tauche mind. 1x im Jahr in der Feldberger Seenlandschaft und auch schon auf diesem Campingplatz.
    Er hat ne tolle Tauchbasis mit einem sehr netten Besitzer.
    Seit dem letzten Jahr haben wir uns einen etwas kleineren Campingplatz in Carwitz, auch direkt am See, gesucht. Da geht es etwas ruhiger zu, als auf diesem am Dreetzsee. Er ist doch sehr groß.

  • Denise

    Sehr schön, in mir kam ein Gefühl von Heimat hoch. Ich bin auf dem Campingplatz quasi aufgewachsen, laufen, schwimmen und tauchen hab ich dort gelernt. Jeden Sommer ging es mit Oma, Opa und Brüderchen nach Thomsdorf, wenn der Boden sandiger wurde und die Wälder an der Straße dunkler und tiefer wurden, dann war es so weit – nerven bis wir da sind.
    Ich erinnere mich auch noch gut an den Trompeter, das war immer unser Gute-Nacht-Lied, erst später erfuhr ich, dass er für gefallene Kameraden gespielt hat. Als Kind war es einfach eine wunderschöne Melodie, die einfach dazu gehört hat. Genauso wie Opa Holzbein und sein Hund Mirabelle. Es war das erste Holzbein, das ich je gesehen hab und es war immer tadellos poliert.
    An die Toiletten kann ich mich gar nicht mehr erinnern, aber wie du schreibst, es gab wichtigeres. Pilze suchen, Stöcke schnitzen, planschen, Matschburgen bauen, das Campingplatz Kino, Radtouren um den See und in Carwitz ein Softeis.
    2016 Komme ich wieder, mit meiner eigenen Familie und ich freue mich unbeschreiblich doll.

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